Donnerstag, 20. Oktober 2016

256. Akt

Ich sitze mit meiner Tochter beim Vietnamesen im Ort und esse Nudelsuppe und Papayasalat. Der Laden ist voll. Das freut mich, denn das Essen ist gut, und wenn die gleich wieder pleite machen, kommt hier vielleicht was rein, was nicht halb so gut schmeckt. Also reiner Eigennutz.
Hinter Kind 2.0 läuft ein Monitor. Darauf werden wunderschöne vermutlich vietnamesische Landschaften gezeigt. Über jedem Bild erscheint ein Text. Buchstabe für Buchstabe rot unterlegt. Es ist eindeutig ein Karaoke-Programm, was da abgespielt wird. Die Gäste befinden sich meinerseits Karaoke-technisch nicht in Gefahr. Die Musik ist viel zu leise und die Schriftzeichen zu weiten Teilen mit Attributen dekoriert, dass noch nicht mal Beyonce eine Chance hätte. Okay - es sei denn, sie kann Vietnamesisch und kennt die Melodie auswendig.
Das mit dem Karaoke ist ja so eine Sache. Wenn ich wählen könnte, zwischen Fugen reinigen in einer großstädtischen Herrensauna und dem Aufenthalt in einer Karaoke-Bar, würde ich schauen, welcher Reiniger am ergiebigsten ist.
Der Moment in einer Karaoke-Bar, in dem einer mir das Mikrofon in die Hand nötigt und die Menschen um mich herum allesamt den Status „Freunde seit der Kindheit“ verlieren, verursacht schon vor Umsetzung ein schwerwiegendes Trauma.
Wie kommt man in so einer Situation drumherum? Also, wie vermeidet man, dass noch Tage später alle nicken und sagen „Ja, sie meinte, sie könnte nicht singen und sie hat sowas von recht!“?
Ich erzähle meiner Tochter, dass ich das Mikrofon verweigern würde. Sie meint, dass ich damit eine bekennende Spielverderberin sei.
Tja. Schon möglich. Aber als Spielverderber werden bisweilen auch Leute bezeichnet, die halsbrecherische Mutproben ablehnen.
Wie, du traust dich nicht vom 22. Stock in den 21. zu klettern? Spielverderber!“
Nee, wenn du nicht hilfst den Kanaldeckel von der Straße zu rollen, bist du ein Spielverderber.“
Ach du Spielverderberin, einmal ist keinmal, bleib doch über Nacht.“
Nee, nee, nee...
Und das kommt alles noch VOR einem Auftritt in einem Karaoke-Schuppen. Eher werde ich Beleuchterin in einer Beate Uhse-Bar.
Mein Papayasalat welkt über meine schwerwiegenden Gedanken in der Schüssel vor sich hin.
Alle Menschen, vor denen ich mich ans Mikrofon wagen würde, kennen mich gut genug, um zu wissen, dass man mir mit manchen Aufforderungen nichts Gutes tut.

Na ja. Im Augenblick besteht ja keine akute Gefahr. Und hier könnte ich mir wenigstens immer soviel Koriander in den Mund stopfen, dass ich sagen könnte „Hmmpfwürdejahmmpfgern, aber hmmpf den Mummmpff voll.“ und dann könnte ich flüchten. Zum Beispiel nach nebenan zum Italiener. Bei dem läuft immer nur Fußball. Und nie Karaoke.     

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen