Montag, 3. Oktober 2016

239. Akt

Bin ich spießig?
Ich bin, ähem.... mal wieder zu einem Brunch eingeladen. Und da die Wiesn in den letzten Zügen liegt, heißt das Ganze „Diamond Glamour Brunch zum Oktoberfest“. Ich bin dort mit meinen Freundinnen verabredet und wieder mal deutlich zu früh. Gleich zu Beginn drückt mir ein Kellner in Karohemd und Lederhosen ein Glas Champagner in die Hand. Na fein, ein Weißbier hätte es auch getan, aber der Sponsor produziert eben elitäre Prickelbrause und ich werde mich nicht beschweren. Außerdem ist es erst kurz nach halb elf. Natürlich haben wir Damen uns entsprechend zum Anlass in Tracht verabredet. Also erwarte ich ein mittleres Rudel spannender Frauen in hübschen Dirndlkleidern. Ich mag das. Außer Brautkleidern gibt es nix weiblicheres. Und Brautkleider kann man ja nicht ganz so häufig tragen.
Und während ich da so sitze und an dem Gläschen nippe, schweift mein Blick durch die Wirtschaft und die alte Trachtenfrage drängt sich mir auf. Ab wann oder besser, bis wann ist so ein Fummel noch Tracht? Irgendwie halte ich mich hier für ein bisschen spießig. Trägt man Dirndl mit oder ohne Bluse? (für mich nur mit). Rock, lediglich Scham bedeckend oder bodenlang? (für mich bitte schön mindestens knielang). Oder gar Lederhosen mit der Bedeckungskapazität eines String-Tangas? (ih bäh!). An Mode im Allgemeinen scheiden sich ja gerne die Geister. In Bezug auf Trachten, geben die Geister dann vollständig auf. Am Nachbartisch sitzt eine junge Frau. Nicht, dass die Kleidung ihrer weiteren Tischnachbarn zwingend als klassische Tracht durchgeht, aber sie schießt so ein klitzekleines bisschen den Vogel ab. Die Lederhosen inklusive Latz sind zu kräftig für Rosa und zu schwach für Pink. Auf ein vollständiges Oberteil wird quasi gleich mal verzichtet. Stattdessen gibt es einen handbreiten Streifen von schwarzem Stoff, der das nötigste bedeckt. Die Highheels rücken das Ganze – wenn sie steht - in eine Höhe, bei der man alles ohnehin nur aus der Froschperspektive betrachten kann. Also alles in allem etwas, nennen wir es: „untrachtig“.
Die Frau an sich ist sicher hübsch, wenn sie abends ohne diesen Fummel und die unnötige Farbe im Gesicht ins Bett geht. Aber so wie jetzt, sticht sie eher brutal ins Auge, als dass sie den Sinn für guten Geschmack antriggert.
Nach und nach trudeln meine Freundinnen ein. Eine hübscher als die andere. Dirndl mit mal rechts und mal links gebundener Schürze, hübschem beblusten Dekolletee und passendem Schuhwerk. Einfach schön anzusehen. Wenig später stelle ich mir vor, was wäre, wenn ich jetzt mit rosafarbener Lederhose und erweitertem Bikini hier aufgeschlagen würde.
Anja würde mir vermutlich die Tischdecke zu meinem Schutz umhängen, Romy und Zoe würden die Fotografen hindern, mich so abzulichten. Sara würde mich zu einem therapeutischen Gespräch bitten und Fatima würde mich so lange eindringlich ansehen, bis ich genau wüsste, wie grottig ich aussehe. Auf meine Freundinnen ist eben Verlass.
Wir schauen alle kurz auf die Dame in Rosa. Dann prosten wir uns zu, ohne ein Wort zu verlieren. Pink-Barbie ist sicher ein schöner und ganz wunderbarer Mensch, aber was das Outfit angeht, sind wir uns einig. Alles kann, nichts muss. Aber manches sollte einfach nicht sein.
Oder wir sind einfach alle zu spießig. 

2 Kommentare:

  1. War schön, dass Ihr beim DIAMOND GLAMOUR BRUNCH mit DJWOIFERL-Sound dabei wards! Busserl <3 Gisela & Woiferl <3

    DJWOIFERL - immer der richtige Sound für Euer Event!

    AntwortenLöschen
  2. Klasse geschrieben - und mir aus der Seele.
    Aber glaub mir - man muß Fotografen nicht daran hindern sowas zu fotografieren - nach 2-3 Fotos hab ich es auch gelassen und mir die wirklich hübschen Damen vorgenommen (ich glaub deshalb seid Ihr so oft in meinen Album zu finden :-) )
    Liebe Grüße, Stefan vom S&S-Fototeam

    AntwortenLöschen