Sonntag, 12. Juni 2016

126. Akt

Es gibt Dinge, die klingen leicht, sind aber schwer. Und manches ist schlichtweg unmöglich.
Es ist früh am morgen, und ich liege im Bett und überlege mir, ob es eigentlich umsetzbar ist, einen Tag lang nicht zu schwindeln. Also ich meine so ganz und gar ausschließlich die Wahrheit zu sagen. Quasi so wie in dem Film mit Eddie Murphy. Lügen hasse ich ohnehin wie die Pest, aber was, wenn man den ganzen Kram, der das geschmeidige Funktionieren einer Kommunikation gewährleistet, auch noch zu unterlässt?
Kein Problem, denke ich mir. 24 Stunden. Krieg ich hin. Dann stehe ich auf und gehe ins Bad. Eventuelle Mantras wie „Du bist gut drauf“ oder „Was biste schön, wenn du aus dem Bett kommst“, sind kein Problem. Da ich sowas in solchen Situationen ohnehin nicht sage, muss ich nicht gleich mit meinem neuen Vorsatz brechen.
Beim Frühstückrichten esse ich die Kekse auf, die auf dem Tisch stehen. Müssen bestimmt sowieso weg.
Dann fahre ich den Rechner hoch. Emails, deren wahrheitsgemäße Beantwortung mich Kopf und Kragen kosten könnten, schiebe ich auf die To-Do-Liste für morgen.
So lange keiner in meiner Nähe ist, habe ich keine Schwierigkeiten. Aber eine Stunde später geht es schon los.
Mit einem „Guten Morgen.“ an meine Tochter, mache ich ja noch nix verkehrt.
„Guten Morgen, Mama.“ Der Blick gleitet über den Tisch. „Wo sind denn meine Kekse?“
Oha... ich wusste nicht, dass das Gebäck hier gestern personalisiert wurde. Tja, kommt vor. „Die hat, glaub ich dein Bru.... ähem... ich hatte Hunger.“
Ihr Blick wird den ganzen Tag mein mieses Gewissen nähren.
„Kannst Du mich für Sport befreien? Wir sagen einfach, ich bin erkältet.“
„Äh... tja... eigentlich nicht.“
Ich erkläre meinem Kind mein Problem. Sie lacht. „Keine Sorge, reicht völlig, wenn ich die Entschuldigung morgen bringe.“
Mein Tochterkind denkt pragmatisch-praktisch. Ich liebe sie. Die Scharte mit den Keksen ist somit ausgewetzt. Sehr gut.
Als der Postbote klingelt und meint, dass das Wetter heute schon besser ist als gestern. Schaue ich nach oben. Es nieselt. Zählt Ironie auch zur Lüge? Ich beschließe, nicht zu nicken und wünsche ihm allzeit gute Fahrt. Das ist okay, denke ich.
Mein Literaturagent ruft an. Auf einmal fühle ich mich welk. Sollte ich heute mit einem erweiterten Manuskript ums Eck kommen? Ja! Habe ich das Material fertig? Nein! Kann ich irgendwas sagen, was mich rettet? Äh...nö. Nicht ohne zu schwindeln. Ich stehe vor dem Telefon und denke nach. Dann hört es auf zu klingeln. Okay. Fürs Erste bin ich aus der Bredouille.
Die nächste Stufe wird dann mit Erscheinen meines Sohnes gezündet.
Nach wenigen Minuten Gespräch schaut er mich eigenartig an. Es ist gar nicht so, dass ihn der Inhalt meiner Worte irritiert, vielmehr ist es meine bedächtige Sprechweise. Ich erkläre ihm, was ich mir vorgenommen habe. Er grinst und fragt, ob mir langweilig ist, oder ob ich in Diskussionsstimmung bin. Ich sage nix. Er kichert und wünscht mir noch viel Erfolg.
Es klingelt erneut. Meine Mutter ruft an. Ans Telefon zu gehen bedeutet den absoluten Härtetest. Ich rede langsam und deutlich, so dass mir nicht versehentlich etwas Unwahres raus rutscht. Nach zwei Minuten fragt sie mich, ob ich Alkohol getrunken habe. Ich überlege einen Moment und antworte dann wahrheitsgemäß und erleichtert mit einem „Nein!“ Als ich nachschieben will, dass ich nie vor 16 Uhr trinke, bleibt mir der halbe Satz im Halse stecken. Dann erkläre ich auch ihr, was ich gerade ausprobiere.
Sie lacht. Dann sagt sie: „Vergiss es. Ohne minimale Höflichkeits-Schwindeleien wirst du spätestens in zwei Stunden gesteinigt. Es geht ja schon mit einem „Guten Tag!“ los, wenn du jemandem lieber den schwärzesten Tag seines Lebens wünschen würdest.“
Und irgendwas sagt mir, dass sie recht hat. Ich möchte niemandem einen miesen Tag wünschen, aber trotzdem fühlt es sich ein bisschen aussichtslos an. In einer Stunde habe ich ein Gespräch bei der Bank. Und am Nachmittag habe ich einen Termin beim Anwalt. Die Aussichten ohne die ein oder andere Schönfärberei durchzukommen, gehen gegen Null.
Ich tu es nicht gerne, aber ich gebe auf.
Als kurz danach der BoFrost Mann klingelt, lächle ich ihn an.
„Ich kann heute leider nichts kaufen. Alle Tiefkühlfächer sind gerappelt voll.“
Ich schließe die Tür. Manchmal ist es einfach besser eine Ausrede zu verwenden. Egal ob BoFrost-Mann, Bänker oder Anwalt.


Samstag, 11. Juni 2016

125. Akt

Okay, der bisherige Spätfrühling bzw. Frühsommer hängt ein bisschen in den Seilen. Es wirkt fast, als hätte er eine kleine Identitätskrise.
Aber was soll´s? Man macht das Beste draus, und Gummistiefel gibt es ja auch in schick.
Was auch gerne hilft, ist das blanke Ignorieren von Jahreszeit-ungerechten Wetterkapriolen. Gerne auch unter Inanspruchnahme von Speisen und Getränken, die man sonst nur ab 25 Grad plus zu sich nimmt.
Und genau jetzt, habe ich mich diesbezüglich für ein Rezept meiner Freundin Anja entschieden. Aus einem Haufen Erdbeeren, Zucker, Limettensaft, Wasser und dem ein oder anderen Klecks Wodka macht sie nämlich einen grandiosen Erdbeer-Limes. Und ja. Ich kann das jetzt auch.
Nachdem ich mit dem Obst und dem Ankochen von Wasser, Zucker und den Limetten fertig bin, ist der Wodka dran.
Ich halte die Mengenangaben für ein wenig untertrieben und nehme zur Sicherheit mal die ganze Flasche. Ich mag keine Reste und halbvolle Flaschen haben immer sowas Trauriges.
Die ausgekochten Glasflaschen stehen bereit, und ich muss mich zusammenreißen, nicht gleich das noch heiße Zeug in den Kühlschrank zu stellen. Wenn die Flaschen platzen, sieht der Kühlschrank aus, als hätte er seine Tage. Alles schon erlebt.
Kaum ist das Glas nur noch lauwarm kommen die drei Flaschen zur Milch in die Kühlschranktür.
Das sieht ja schon mal fantastisch aus und ich kann es kaum erwarten.
Wenig später sitze ich bei der Arbeit am Computer. Ich bin fest davon überzeugt, dass alles was nicht mehr dampft, kalt genug ist. Vorausgesetzt, es ist Erdbeer-Limes.
Damit es ein bisschen unschuldiger aussieht, fülle ich mir ein kleines Glas mit niedlichem Marienkäfer-Druck ab. Dann stelle ich die Flasche wieder weg.
Auf dem Weg in die Küche fragt mein Sohn, was ich da gerade zu mir nehme. Ich antworte genau das, worauf er allergisch reagiert. „Vitamine! Ganz viel Vitamin C und so.“
Damit gehe ich auf Nummer sicher. Alles, was grün ist, gesund aussieht oder diese gefährlichen Vitamine enthält, wird meist kategorisch abgelehnt. Ich kenne das Verhalten. In seinem Alter war ich wohl nicht viel besser.
Als meine Tochter etwas später herunterkommt, sitze ich schon am Rechner und grinse. Es fällt mir ein bisschen schwer, ein Drehbuch zu eine Thriller zu schreiben, wenn mir immer nur lustiges Zeug einfällt.
Na ja. Vielleicht unterstützt mich ein weiteres Gläschen in Sachen Kreativität. Tochterkind fragt direkt: „Erdbeer-Dingens?“
Ich nicke.
„Ist mir zu süß.“
Ich nicke heftiger. Recht hat sie. Geradezu scheußlich süß ist das Zeug. Herrlich!
Ich beschließe, vorerst nicht weiter am Drehbuch zu schreiben. Meine Protagonisten machen gerade nur noch wirres Zeug und ich werde die letzten Seiten wohl löschen können. Ach ja, löschen. Die Flaschen sind ja ziemlich klein, und ich mag – wie gesagt – keine Reste. Also mach ich Nr. 1 schon mal ganz leer.
Dann schaue ich aus dem Fenster. Es regnet. Ist mir wurscht. In meinem Herzchen ist gerade Sommer und in meinem Kopf tanzen Erdbeeren in einem Whirlpool mit Wodka Samba.
Soll es doch regnen. Im Keller hab ich noch zwei Flaschen Sommer. Und danach wird das Wetter auch draußen sicher besser. Garantiert. Prost!


Freitag, 10. Juni 2016

124. Akt

Äh ja... da hab ich doch völlig übersehen, dass da ein großes Fußball-Event ansteht. Einfach verpennt. Komplett. Asche auf mein verhältnismäßig Fußball-desinteressiertes Haupt. Aber jetzt weiß ich es besser. Und an wem liegt es? An meiner Mutter!
Kaum lasse ich sie mal fünf Minuten unbeobachtet, hat sie wieder Mal alles auf den Kopf gestellt.
Am Anfang kriege ich es noch gar nicht mit. Lediglich die schwarz-rot-goldenen Servietten auf meinem Tisch irritieren mich ein bisschen. Okay, die Fähnchen in den Topfblumen sind dann auch nicht lange zu übersehen.
Alles in Ordnung so weit.
Ich weiß jetzt auch, warum sie letztens beim Einkaufen etwas länger gebraucht hat. Sie musste nämlich erst die Kinder-Schokolade sortieren. Ja, genau! Sie hat ihr Favoriten-Team zusammengestellt.
Auf dieser Schokolade gibt es doch derzeit alle Fußballer der deutschen Mannschaft mit ihren Kinderbildern. Ja, ja, da hat sie dann etwas Zeit gebraucht. Vermutlich stellt sie das Team nach den Prämissen „Hach, ist der süß.“ und „Ist er nicht niedlich.“ auf.
Mit einer Sache ist sie dann aber doch einen Schritt zu weit gegangen.
Und ich sage noch: „Mutti, Finger weg vom Auto!“
Die schwarz-rot-goldenen Ohren auf den Seitenspiegeln und die goldene Nase auf der Kühlerhaube?
Vergiss es!!! Kommt überhaupt nicht in Frage.
Meinetwegen kann sie ja die nächsten Wochen mit einer Kraushaar-Perücke in den Deutschland-Farben zum Tengelmann und zu ihren Nachbarn laufen, aber mein Auto bleibt verschont.

Und noch was. Ihre Vuvuzela hab ich versteckt! Das gibt nur Ärger mit den Nachbarn.          

Donnerstag, 9. Juni 2016

123. Akt

Nach der Reiserei in der letzten Zeit bin ich mal wieder ein paar Tage Zuhause. Nach einem kleinen hormonellen ich-muss-hier-mal-gründlich-sauber-machen-Exzess muss ich in die Stadt. Ich sehe zwei Terminen und einem ebenfalls hormonell bedingten Schuhkauf-Flash entgegen.
Gerade auf die A94 aufgebogen stelle ich fest, dass ich mein Handy habe liegen lassen. Vermutlich auf der Kommode im Flur. Zuhause.
Pöh, denke ich. Kein Problem. Den Luxus gönne ich mir. Muss ja nicht immer und überall erreichbar sein. Wann und wo meine Termine sind, hab ich auch so im Kopf. Und wann und wo ich nach Schuhen schauen will, die ich garantiert noch nicht habe und lebensnotwendig brauche, kriege ich ebenfalls ohne Handy und Internet gebacken.
Ich fahre also weiter. Wäre ja gelacht, wenn ich einer dieser Freaks wäre, die jetzt komplett durchdrehen und sich völlig von der Welt abgenabelt sehen. Ist ja lächerlich.
Schon eine Auffahrt weiter überlege ich, was passiert, wenn mir gerade jetzt einer meiner beiden Termine eine Absage, zeitliche Verschiebung oder Ortsänderung durchgeben will.
Der vernünftige Pragmatismus in mir antwortet besonnen:
„Dann wird dieser Termin eben platzen. Ist ja nicht die Welt. Zum Einen wurde noch nie irgendwas verschoben und zum Anderen kann ich eine Veränderung auch nicht bestätigen. Also nicht meine Schuld.“
Ich ahne, was passiert, und schon geht es los. Dieser grässliche innere Dialog, der mich auf die Palme treibt.
„Und was ist, wenn die Kinder etwas brauchen, ihnen etwas fehlt oder sie dich unbedingt erreichen müssen?“
„Die beiden sind mit 16 und 19 alt genug, um den Kühlschrank alleine zu finden oder sechs Stunden bis sechs Wochen ohne ihre Mutter auszukommen.“
„Schlechte Mutter!“
„Ist mir wurscht. Lass mich in Ruhe, du lausiges mieses Gewissen.“
„Okay, okay. Aber schon mal an deine Freunde gedacht? Was, wenn genau jetzt z.B. XYZ von ihrer großen Liebe verlassen wird und nun deine Schulter zum Anlehnen und dein Ohr zum Zuhören braucht?“
„Na dann hat XYZ gute sechs Stunden Zeit, um sich ihre Situation mit Prosecco hübsch zu trinken oder ihre große Liebe wieder einzurenken. Ohne meine Hilfe.“
„Miese Freundin bist du!“
„Mieses Gewissen. Kannst mich mal. Ich drehe jetzt nicht um und hole dieses vermaldeite Telefon.“
So geht das noch eine ganze Weile, und ich weiß, genau so muss sich Entzug anfühlen. Kaum, dass ich die Termine und eine deprimierende Schuhauswahl hinter mir habe, fahre ich schwitzend nach Hause.
Noch von der Tür aus sehe ich mein Telefon. Meine Tochter begrüßt mich im Vorbeigehen und mein Sohn ist noch in der Uni. Okay, die Beiden haben es also überlebt.
Ich klappe mein Telefon auf. Und sehe:
Vier Anrufe in Abwesenheit, von denen ich zwei ohnehin nicht angenommen hätte, ein paar Emails, die ich heute Abend bei einem Glas Wein beantworten werde und drei Einladungen zu Candy Crush.
Keiner durchgedreht, weil ich nicht sofort am Telefon war. Die Welt dreht sich tatsächlich weiter, wenn das Handy mal aus- oder Zuhause bleibt.

Morgen probiere ich es nochmal. Vielleicht fange ich aber mit kleineren Zeiteinheiten an. So ein halbes Stündchen beim Rasen mähen oder beim Einkaufen. Ich kriege das ganz sicher hin. Wäre ja gelacht, wenn ich derart abhängig von meine Telefon wäre. Aber jetzt muss ich weg. Es klingelt.        

Mittwoch, 8. Juni 2016

122. Akt

Ich sitze in der Business-Lounge des Flughafens und sinniere mal wieder über... nichts. Das heißt einen Kaffee, eine Bild und ein schweifender Blick über die anderen Gäste.
Mein Boardingpass zeigt, dass ich von Gate K05 starte.
Ich denke mir nix dabei. Zehn Minuten reichen im Flughafen ohnehin immer, um von A nach B zu kommen. Also zumindest innerhalb eines Terminals.
Um 7.35 Uhr ist Boarding. Kein Problem. 7.25 Uhr mache ich mich auf den Weg. Mit einem „Have a nice day“ verabschiedet mich das Lounge-Personal und mein kleiner, schwarzer Trolley eiert hinter mir her.
Wo ist denn eigentlich dieses Gate K?
Normalerweise starte ich von G.
Eine Schild hilft mir weiter. Ich gehe durch Flure, die ich seit 1993 noch nicht gesehen habe. Hallo? Bin ich noch in München?
Auf einmal sehe ich, dass ich einen Zug nehmen muss, und mir dämmert, dass ich irgendwas verpasst habe. Dann fällt es mir ein. Terminal 2 ist im April erweitert worden. Nur weiß ich bis jetzt noch nicht, was das für mich bedeutet. Ich fahre eine Rolltreppe herunter. Dann noch eine weitere.
Unten angekommen stehe ich mit einigen anderen Fluggästen an einer Art schicken, schnieken und sehr modernen U-Bahn-Station. Fände ich ja echt spannend, wenn ich nicht schon in sieben Minuten mein Flugzeug betreten müsste. Die nächste Bahn kommt in zwei Minuten. Na super. Vorausgesetzt, dass sie vielleicht nur zwei Minuten fährt, bleiben mir dann noch drei Minuten bis zum Boarding. Bei Stress dieser Art brauche ich in der Regel erst mal einen Kaffee und dann noch ein Klo. Für beides ist keine Zeit.
Ich wünsche mir, dass K05 nicht ganz so weit vom Zugausgang ist, aber irgendein Flughafen-Gott pfeift auf meine Wünsche.
K 05 ist nämlich am beinahe letzten Ende des Gebäudes. Ich renne, mein Trolley eiert und das ganze hübsche neue Terminal kann gar nicht richtig von mir gewürdigt werden. Dann steh ich da. 05!
Aber der Flug, der hier ausgezeichnet ist, ist definitiv nicht meiner.
Tja. Nun bräuchte ich in der Tat einen Kaffee. Aber ich habe nur noch genau 1 Minute Zeit.
Ich laufe von K05 noch weiter bis zu 01. Da isses ja. Mein Fluggate.
Ich freue mich. Da noch nichts von Boarding ausgeschrieben ist, frage ich die junge Frau am Schalter, wie viel Zeit mir noch bleibt. Zehn Minuten, meint sie. Na ja, besser als dass sie sagt, der Flieger sei schon weg.
Zehn Minuten? Prima, denke ich und eiere in Richtung Kaffeeautomat.

Was soll der Stress. Alles ist gut.        

Dienstag, 7. Juni 2016

121. Akt

„Oma hat gesagt, dass du sehr wohl mal im Fernsehen gesungen hast. Bei der NDR Talkshow warst du als Gast eingeladen, sagt Oma.“
Meine Kinder stehen vor mir und grinsen aus einer Höhe von 1,93 m und 1,80 m auf mich herab.
Ich grinse zurück. Allerdings nur um Zeit zu schinden. Warum hat meine Ma mich nicht einfach als Kind im Wald ausgesetzt. Dann müsste ich mich nicht mit den Dingen auseinandersetzen, die sie mir zur eigenen Unterhaltung in den Weg legt.
„Äh, ja. Ist lange her und war auch nicht wichtig.“
Ich versuche abzulenken und öffne unauffällig das Süßigkeiten-Fach. Leider sind die Beiden nicht ansatzweise so leicht zu manipulieren, wie ich es gerne hätte.
„Kann man das irgendwo im Internet sehen?“ Mein Sohn will es wirklich wissen und ich überlege, ob ich Mutti dafür das nächste Mal ohne Essen in den Keller sperren muss.
„Nö, ist zu lange her.“ Eigentlich kann ich beruhigt sein. Talkshows der späten 80er Jahre sind in der Regel nicht digitalisiert worden. Ich bleibe entspannt.
Wie fatal wäre das bitte schön? Die komplette Erziehung der letzten Jahre könnte ich pädagogisch in die Tonne treten, wenn meine Kids ihre Mutter als Playback-singende Hupfdohle in schwarzem Leder im TV sehen könnten. Viel lieber würde ich ihnen die ein oder andere Talkshow zeigen, die nicht ganz so lange zurück liegt. Da hab ich wenigstens mehr oder weniger still gesessen und mich ordentlich artikuliert.
Also durchforste ich das Internet nach z.B. Wieland Backes „Nachtcafé“ und der früheren ZDF Sonntags-Talkshow „Dolce Vita“.
Aber ich finde: Nix. Also zumindest aus den Anfang 2000ern.
Es ist ja nicht so, dass ich nicht über Aufzeichnungen der Sendungen verfüge. Aber über einen VHS Rekorder verfüge ich im Gegensatz nicht mehr.

Na ja, wer weiß, wofür es gut ist. Der Gedanke, dass mein Sohn und meine Tochter die Choreographie aus der NDR Talkshow nachtanzen, nur um mich an meine Jugendsünden zu erinnern, traumatisiert mich. Manchmal sollte man alte Sachen einfach ruhen lassen. Vor allem, was TV-Auftritte angeht.

Montag, 6. Juni 2016

120. Akt 

„Guten Tag. Mein Name ist XXX (steht für „ich bin ein Idiot, lasse es mir aber nicht gleich anmerken“). Spreche ich mit Frau Manuela Thoma-Adolfo?“
Ich könnte ihm jetzt sagen, dass da ein „L“ zu viel im Namen ist, aber ich halte das für vernachlässigbar. Auch die Frage danach, woher er meine Nummer hat, ist müßig. Das Internet ist ziemlich ungnädig, wenn man in irgendeiner Form öffentlich arbeitet.
„Ja. Guten Tag. Um was geht es bitte?“
„Es geht um Mode. Sie arbeiten schon noch als Fotomodell und Mannequin?“
Wer benutzt eigentlich heute noch diese beiden Begriffe? Das ist ja High-Class-Vintage. Aber ich weiß, was er meint und frage erneut, um was es denn geht.
„Ich wollte Ihnen einen Auftrag im Modebereich vermitteln. Ist das denn möglich?“
Nun ja. Ich laufe nur noch selten über den Catwalk. Entweder bekomme ich dafür einen Haufen Geld oder es handelt sich um einen befreundeten Designer. Charity ist auch noch drin. Für diesen Kandidaten hier würde allerdings wohl nur Ersteres in Frage kommen.
„Ja. Hin und wieder arbeite ich noch als Model. In der Regel bekomme ich Aufträge von Menschen, die ich nicht kenne, allerdings ausschließlich über meine Agenturen. Wie kann ich Ihnen helfen?“
„Ähem, soll ich mich vielleicht an Ihre Fotomodell-Agentur wenden?“
„Na ja, jetzt sind Sie schon dran. Um was geht es denn jetzt?“
„Ähem... ähem... also es geht um eine Modenschau und einen Fototermin. Also gleichzeitig.“
„Sie möchten mich also für eine Modenschau und einen Fototermin buchen?“ Ich schaue mit einem Auge auf meinen Terminkalender. „Sind sie Designer?“
„Nein.“
„Vertreiben Sie Mode für andere Menschen?“
„Ähem... nein, auch nicht.“
Es sind mir dann mittlerweile doch eindeutig zu viele „Ähems“.
„Können Sie bitte auf den Punkt kommen? Um was geht es konkret? Eine Modenschau und ein Shooting? Wer ist der Veranstalter? Um welches Label oder welchen Designer handelt es sich? Wann und wo soll das Ganze stattfinden, und wer genau ist denn nun bitte schön der Kunde?“
„Tja. Ich.“
Pause...
„Sie?“
„Ja. Ich. Also es wäre so: Sie kommen hierher...“
„Zu Ihnen?“
„Ja ja genau. Hierher zu mir.“ (Ich glaube der Typ kollabiert gleich und ich will die Gründe dafür beim besten Willen nicht wissen) „Und dann führen Sie mir die Kleider vor, die ich bis dahin ausgesucht habe.“
„Sie meinen eine private Modenschau bei Ihnen Zuhause? Mit Fummel, den Sie vorher im Karstadt aufgetan haben?“
„Nein, nein, sie verstehen mich falsch. Es handelt sich natürlich um ganz, ganz feine Nachtwäsche und so...“
Mann mann mann... ich will gar nicht wissen, wofür „und so“ steht. Für Valium oder Baldrian ist nu auch zu spät. Ich brülle ins Telefon und frage, ob der Kandidat am anderen Ende gerade mit dem Kopf in einen Auffahrunfall geraten ist.
Der Typ hat offenbar immer noch nicht kapiert, dass er da keinen ernsthaft überdenkenswerten Vorschlag gemacht hat.
„Anfahrt und Honorar bezahle ich natürlich. Geld spielt da keine Rolle. Und eine Übernachtung ist in meinem Gästezimmer möglich.“
Aaaaaaaaaarghhhhhhhhh!!!! Das wird ja immer besser. Ich schlage ihm einige Möglichkeiten für einen erfolgreichen Suizid vor und rate ihm dann, sich in der Bahnhofsgegend umzusehen. Dort wird er bestimmt eine Hübsche finden, die ihm das Privat-Model gibt.
Er antwortet: „Nein, es kommt nur ein professionelles Mannequin in Frage.“
„Professionell sind die da ganz sicher auch!“


 Ich lege auf und überlege, ob ich mir den Hörer noch zwei dreimal auf die Rübe hauen soll, um die letzten fünf Minuten zu vergessen. Dann lass ich es aber. Meine eigene Schuld, wenn ich mich immer wieder auf dämliche Gespräche einlasse. Aber was soll´s. Wenn man fünf Minuten mit so einer gestörten Gestalt gesprochen hat, dann genießt man wieder das halbwegs normale Umfeld. Also hat doch alles sein Gutes.