Freitag, 18. Mai 2018


369. Akt

Ich liege malad auf dem Sofa, mein Tochterkind sitzt verzweifelt neben mir und sieht mich desillusioniert an. Es ist nicht so, dass sie mir einen Induktionsherd erklären oder Raumfahrttechnik nahe bringen muss. Es geht um viel banaleres, aber kaum noch wegzudenkendes, es geht um Instagram.
Nachdem ich mir habe erklären lassen müssen, dass Facebook so ziemlich oldschool und schon fast retro ist, setze ich mich nun seit ein paar Monaten mit Instagram auseinander. Geht ja kaum ohne, wenn man jemanden medial erreichen will.
„Mist“, denke ich noch. Es hat Jahre gedauert, bis ich Facebook einigermaßen begriffen habe. Von WhatsApp brauchen wir gar nicht erst zu reden. Die normale Nutzung meines Samsung S 8 treibt mich bisweilen schon in den Wahnsinn.
Und nun das Posten von quadratischen Bildern und – ja, jetzt weiß ich es auch – Beiträgen, die man dann in meiner Story für vierundzwanzig Stunden sehen kann.
Hier gibt es Boomerangs, in denen sich kleine Sequenzen selber immer wieder vor- und zurückbewegen, Fotos, Filmchen und allerlei Möglichkeiten sich zu verkünsteln. Aber das zentrale Element sind die Fotos, die jeder von sich seber macht. Mal mit und mal ohne Stick. Ein Markt für sich, dieses Selfie-Gesumse.
Wenn ich die Sport-Selfies der Damenwelt ansehe, dann wirken alle, als seien sie bis ins Mark motiviert, frisch mit der neuesten Kollektion von Nike ausgestattet und ohnehin gerade erst volljährig geworden.
Das sieht toll aus. Ich bin jedes Mal erstaunt. Sehen doch meine Sport-Selfies so aus, als hätte ich chronische Diarrhöe und meine Sportsachen wären vom Flohmarkt. Bin ich eigentlich die einzige, die beim Sport schwitzt?
Und es muss noch nicht mal Sport sein. Wenn meine Tochter einen Boomerang postet, wie sie das Haus verlässt, könnte ich mir das Filmchen hundert Mal ansehen (Zumal sie ja – Boomerang sei Dank, immer wieder zurück ins Haus geht, das gefällt mir).
Möchte ich einen Boomerang machen, wie ich das Haus verlasse, sieht man erst mal nix, weil das Handycover immer wieder zuklappt, dann sieht man mal nur meine Haare und die Tür und beim dritten Mal sieht man nur, wie ich verzweifelt versuche mein Handy vorm Herabfallen zu schützen. Gäbe es beim Boomerang Ton, würde man mich dort auch vorwärts und rückwärts fluchen hören. So kommt es halt, dass meinen Followern eine Kurzreportage über meinen Ausgang vorenthalten bleiben wird.
Und die ganz normalen Selfies sind auch nicht immer besser. Also, wenn ich sie selber gemacht habe. Was ja ein Selfie eben ausmacht.
Vergrößert diese Funktion Nasen eigentlich generell? Sieht es immer so aus, als ob ich schiele, weil ich erst schauen muss, wo denn nochmal das Objektiv ist? Hach, ich werde es nie so hinkriegen, dass man bei meinen Selfies kein Mitleid kriegt.
Aber Selfies sind ja nicht alles. Man postet ja auch sein Essen. Nun sehen Miracoli aber halt nicht so dolle aus. Als ich heimlich begonnen habe, die von meiner Tochter gezauberten Mahlzeiten zu fotografieren und zu posten, hat sie mich gerügt und ich habe demütig gelöscht.
Jetzt gehen wir halt wieder öfter essen. Dann glauben meiner Follower wenigstens, dass ich mich gesund ernähre.
Als Tochterkind und ich mal aus ein und dem selben Lokal unsere medialen Verfolger wissen ließen, dass sie einen Acai-Bowl genießt, während ich ein eigenartiges Couscous zu mir nahm, erhielten wir beide eine Nachricht. Ein junger Mann schrieb sowohl mich, als auch meine Tochter an und fragte nach Kontakt. Er hatte sich wenigstens die Mühe gemacht uns nicht den identischen Text zu schicken, aber es war klar, dass das einzige was uns Instagram-technisch gerade verband, die Lokalisierung via Hashtag war. Tochterkind und ich hatten beide den Namen des Restaurants gepostet. Und schon wieder hatte ich was gelernt. Hashtag „Hier bin ich“ ruft unerwünschte Kontakt-Honks auf den Plan. Dann poste ich doch lieber wieder Miracoli so ganz ohne Ortsangabe. Sieht nicht so lecker aus, aber man hat wenigstens seine Ruhe.


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