Montag, 9. Mai 2016

92. Akt

Ja, ich spiele Lotto. Ich weiß, dass die Wahrscheinlichkeit, dass ich Sonntagsmorgens aufwache und die Nachricht über sechs Richtige auf meinem Handy sehe, gegen Null geht. Eher sogar noch ein bisschen drunter liegt. Es mag für manche Menschen entsprechend unvernünftig oder gar blödsinnig, vielleicht sogar rausgeschmissenes Geld sein. Aber ich tue es trotzdem. Nicht jedes Wochenende. Nur dann, wenn ich das Gefühl habe, dass es an diesem Tag einfach klappen muss.
So wie heute zum Beispiel. Das halbe Rudel meiner Familie hat sich in meinem Garten eingefunden und grillt. Da trifft es mich wie ein Blitz.
Zusammen haben wir doch immer alles hingekriegt.
Also renn ich rein, mache die Lotto-Seite auf meinem Rechner auf, reiße das Aufladekabel aus der Buchse und renne wieder raus.
„Sechs Zahlen. Jetzt sofort. Gar nicht lange nachdenken. Mutti fang an!“
Nach und nach nennen Schwestern, Nichten, Neffen und Kinder sechs Zahlen zwischen 1 und 49.
Mein Neffe fragt noch, ob er den Gewinn kriegen würde, wenn sein Feld gewinnt. Ich muss lachen. Nö! Ein Eis und ein Moped vielleicht. Na ja vielleicht auch noch nen Wochenendtrip an die Nordsee. Das langt aber.
Mit den ausgefüllten Tippfeldern sause ich wieder hinein an meinen Schreibtisch. Ich zahle per Kreditkarte, lehne mich zurück und stelle mir vor, was wäre wenn. Endlich DER Urlaub. Geschenke für alle, die ich beschenken mag. So großartig viel fällt mir gar nicht ein. Das ist ein gutes Gefühl, aber ich würde mich trotzdem freuen.
Wenn dann im Fernsehen die Lottozahlen gezogen werden, schließe ich die Augen und halte mir die Ohren zu. Ich werde mir doch wohl nicht so früh mit der Realität die Hoffnung versauen lassen.
Verglichen wird erst, kurz bevor ich die Chance habe, erneut zu spielen. Oder auch nicht.
Meine Tochter fragt mich, ob es nicht vernünftiger wäre, das Geld direkt zu sparen und dann auszugeben. Aber ich muss ehrlich gestehen, dass ich nicht für´s Gewinnen spiele, sondern für die Hoffnung und die Träumerei.              Manchmal bin ich ganz einfach zu naiv und romantisch.

Sonntag, 8. Mai 2016

91. Akt 

Kürzlich stehe ich zum Aus-Checken in der Lobby eines Hotels. Die Frage, ob alles bestens war, beantworte ich mit einem Lächeln. Wenn ich anfangen würde, wo es alles dran gehapert hat, dann müsste ich noch eine weitere Nacht bleiben. Noch bevor ich irgendwas Belangloses sagen kann, plappert eine Dame hinter mir los. Groß, schlank, blondierter Pferdeschwanz und Gucci-Sonnenbrille in der durchaus schattigen Lobby.
Also sie meint ja, dass alles ganz in Ordnung war, lediglich dieses entsetzliche Vogelgezwitscher am Morgen sei nahezu unerträglich.
Mir fällt fast der Stift aus der Hand.
Aber sie hört nicht auf.
Man würde ja schier wahnsinnig bei all dem Gepiepe. Außerdem wird es schon erschreckend früh hell. Sie habe kaum schlafen können.
Ich überlege, ob ich anfangen soll, rhythmisch mit meiner Stirn auf den Tresen der Rezeption zu knallen, um auf das Niveau dieses Gespräches herunter zu kommen, aber da wendet sie sich schon ab und stöckelt hinaus auf den Parkplatz. Ich schüttel mit dem Kopf, äußere mich aber nicht weiter.
Es ist doch immer das selbe.
Die gleichen Leute, die am 2. Januar motzen, dass es noch winterlich kalt ist, mokieren sich sechs Monate später dann über Hitze und Mücken. Selbstverständlich kann man sich dann auch noch darüber beschweren, dass man soviel Rasen sprengen muss.
Chronische Jahreszeiten - und Wetternörgler. Ständig passt ihnen was nicht. Und klar! Früher war sowieso alles anders. Viel besser!
Was denn? Waren die Vögel leiser? Die Hitze kühler? Der Schnee wärmer?
Maulen diese Leute auch im privaten Bereich derart blödsinnig?
Nach der Geburt des ersten Kindes? Oh, den hab ich mir aber hübscher vorgestellt?
Beim Kunstkauf? Tolles Bild, gibt es das auch in grüner, größer und als Skulptur?
Kann man so glücklich werden? Oder sagt man dann, wenn man eigentlich glücklich ist. „Boah.... wenn ich happy bin und lächle, hab ich immer so hässliche Falten um die Augen.“
Na ja... zur Not kann man ja auch nörgeln geil finden. Dann hat man jedenfalls was davon.



Freitag, 6. Mai 2016

90. Akt 

Ich sitze an meinem Computer. An meinem neuen Buch. Eigentlich ist das genau das, was ich nach Häagen Dazs Pralines & Cream und Fußmassagen am meisten liebe. Aber heute läuft es einfach nicht. Oft kann ich mich hinsetzen und drei bis vier Stunden fast ohne Unterbrechung durch schreiben. Aber im Moment rutschen meine Finger immer wieder aus und ich lande bei Facebook oder Ebay.
Irgendwie will ich gern arbeiten, aber krieg es nicht hin. Mir ist das Motto „Du kannst es nicht erzwingen“ durchaus bekannt. Aber wenn mir was nicht passt, hab ich auch kein Problem dämliche Mottos zu ignorieren.
Also sitze ich da und überlege, wie meine eigene Geschichte weitergeht. Natürlich nicht meine persönliche Geschichte, sondern die eines grenzdebilen Uniformfetischisten in den besten Jahren.
Ein Kollege hatte mal gesagt „Du kannst es dir nicht erzwingen, aber ersaufen kannst du es dir schon.“ Dementsprechend stehe ich auf und schaue, was mein Kühlschrank außer dem Wein, den ich zum Kochen verwende noch für mich bereit hält.
Ich stoße auf eine angebrochene Flasche Chardonnay. Okay. Prima. Ich schenke mir ein Glas Kreativität ein, setze mich wieder vor den Rechner und überlege.
Nach dem zweiten Wein macht wenigstens das Überlegen Spaß und nach dem dritten fällt mir eine völlig andere Geschichte ein.
Ich leere mein Glas und will anfangen zu schreiben.
Und stelle fest, dass ich die neue Geschichte schon wieder vergessen habe.
Das erinnert mich an meine Studentenzeit. Damals half man sich bei mangelnder Kreativität mit... ähem... Gras. Wobei – man behalf sich damals auch bei Langeweile, Stress, Partylaune, Ruhephasen, Denkblockaden, überbordender Arbeitswut und allem möglichem mit dem Zeug. Also nicht ich persönlich. Denn ich bin nach so was immer gleich eingeschlafen. Gerne auch mit dem Gesicht in einer Pizza.
Zu dieser Zeit gehörte Marihuana bei den Kreativen zum guten Ton. Ich erinnere mich an Konferenzen in Werbeagenturen, in denen der Art Director sich kichernd auf dem Boden rollt, während der Grafiker in einem Fressflash alle (!) auf dem Tisch stehenden Kekse, Salzbrezeln und Kuchenstücke auffuttert. Das Ganze, während der Rest vom Team sich in einer Nebelwolke anlächelt, und erklärt, dass sie echt super drauf sind, auf dieser total freigeistigen und freundschaftlichen Ebene.
Da ich aber weder über Gras, noch über das geringste Interesse am Rauchen verbotener Substanzen verfüge, schließe ich meinen Rechner jetzt wieder. Ich leere den Rest aus der Flasche in mein Glas und lasse grenzdebile Uniformfetischisten grenzdebile Uniformfetischisten sein. 33 Grausamkeiten fallen einem ohnehin am besten bei beschaulichen Spaziergängen in der Nachbarschaft oder bei Telefonaten mit der Verwandtschaft ein.


 Ich glaube, ich rufe mal eben meiner Mutter an.

Donnerstag, 5. Mai 2016

89. Akt

Es gibt Sätze, die kann ich auf den Tod nicht ausstehen. Da wären zum Beispiel „Hast du zugenommen?“ oder „Wie? Ich sollte mein Zimmer heute aufräumen?“ oder auch „Das sind ja Riesenportionen. Die kann kein normaler Mensch aufessen.“
Alles Dinge, die man genau dann nicht gerne hört, wenn man a. Tatsächlich zugenommen hat, b. Zwölf Mal erwähnt hat, dass einem der Kragen platzt, wenn das Kinderzimmer so aussieht und c. Gleich nachdem der Teller auf dem Tisch steht, denkt „Na, ob das wohl reicht?“
Aber der beste schlechteste Satz von allen lautet:
„MAN WIRD JA MAL SAGEN DÜRFEN...“
Egal, was dann folgt. Es geht einem nie am Allerwertesten vorbei.
Die Sache ist nur die, dass man in der Tat absolut alles zu jeder Zeit sagen darf. Man muss nur mit der Resonanz fertig werden. Natürlich kann man seiner neuen Flamme sagen „Boah, du kochst fast so gut wie meine Ex-Freundin.“ Das Ergebnis ist dann vermutlich, dass man auch weiterhin bei seiner Ex-Freundin essen darf, weil bei der Neuen der Ofen aus ist.
Ebenso schön:“Du bist ganz schön welk geworden.“ So was wirkt super inspirierend, wenn man sich einen gepflegten Nasenbeinbruch zulegen will. Aber sagen darf man es natürlich.
Theoretisch kann ich auch auf eine Hochzeitsfeier gehen und darauf hinweisen, dass die Braut aussieht wie eine Lawine und der Bräutigam ein Verhältnis mit den drei Brautjungfern hat.
Kann ich sagen. Könnte dann aber sein, dass ich recht intimen Kontakt mit dem Messer für den Hochzeitkuchen-Anschnitt bekomme.
Der Satz „Man/ich werde doch noch sagen dürfen, dass...“ ist einfach nur dämlich, wenn man nicht bereit ist, mit den Folgen zurecht zu kommen.
Klar darfst du einem Polizisten sagen, dass er in der Uniform aussieht wie auf dem Weg zu einer Swingerparty. Du darfst deiner Schwiegermutter sagen, dass sie müffelt, wie ein Iltis und auf dem Kopf auch so aussieht.
Sag deinem Professor, dass du seine Frau flachgelegt hast UND seine beiden Freundinnen.
Ja, das kannst du alles sagen. Aber dann komm auch bitte damit zurecht, dass du eine Nacht in der Ausnüchterungszelle verbringst, dir deine Schwiegermutter den Schädel spaltet und dein Professor meint, dass ein Doktortitel gar nicht zu deinem Namen passt.

Denn auch hier gilt: Man wird ja wohl noch reagieren dürfen.  

Mittwoch, 4. Mai 2016

88. Akt 

Heute morgen. Zeit für mein Laufband. Im TV läuft das Frühstücksfernsehen und ich chille bei 6 km/h und einer Steigung von fünf Prozent.
Zwischen Wetter (erst schlecht, dann heiß), Promis (Verheiratet, geschieden, fremd gegangen), und Rezepten (sieht gut aus, aber krieg ich eh nicht so nicht hin), kommt ein heikles Thema. Es soll ein neues Vergewaltigung-Gesetz her. Ein „Nein“ soll ab jetzt auch als „Nein“ gewertet werden.
Ach nee... ist ja mal super innovativ. Aber, wenn es nun so sein soll, dann ist ja prima.
Dann sagt ein Fachanwalt für Sexualstrafrecht, dass bloßes Angrabschen bisher nicht als strafrechtlich relevant gilt. Die Moderatorin fragt verblüfft nach, ob sie dem Grabscher denn wenigstens eine dafür langen dürfte.
„Nö.“ sagt der Anwalt. Mit einer Ohrfeige würde nämlich sie selbst sich strafbar machen. Ich denke, die Moderatorin kippt gleich vor Entsetzen vom Sofa und ich selber schepper fast rückwärts ins Bücherregal. Mein Laufband steht ja immer noch auf 6 km/h und ich bin vor Schreck fast stehen geblieben.
Das heißt, wenn ich Fritz, Heinz, Mustafa, Hassan oder Gerd eine schaller, weil er mir in den Ausschnitt langt, dann darf dieser suizidale Kandidat mich wegen Körperverletzung anzeigen??? Geht´s noch???
Was soll ich denn meiner Tochter beibringen?
„Sag ihm einfach so lange „Nein!“ bis er aufhört oder fertig ist“ oder
„Halte dich an den Vorschlag, niemanden zu nah an dich heran zu lassen“.
Das mit der Armlänge Entfernung hab ich schon bei einigen europäischen Probanden probiert. Das funktioniert nicht. Das wird ganz sicher auch nicht bei Asiaten, Arabern, Afrikanern, Australiern, Amerikanern oder Micky Maus ziehen, wenn sie auf Kontaktsport aus sind.
Wenn ich also schon bei der ersten Stufe des Angrabbelns rechtliche Konsequenzen meinerseits fürchten muss, und das obwohl ich mein „Nein“ mit einer gepflegten Watschn untermauern könnte, was denn dann? „Ups, ich wusste gar nicht, dass die Brosche an meiner Bluse ein geladener Revolver ist, sorry???       Verkehrte Welt. Wenn mich einer ungewollt anlangt, dann werde ich auch weiterhin meine Armlänge so gut es geht ausnutzen, um ihm einhändig eine neue Laufrichtung zu geben. Und für alle, die drüber nachdenken: Ich habe sehr, sehr lange Arme.

Dienstag, 3. Mai 2016

87. Akt

Bin mal wieder unterwegs. Mein Zimmer im Hotel ist verhältnismäßig wohl temperiert und sauber. Ich habe noch gute zwei Stunden Zeit, bevor ich zu einem Termin muss, und beschließe am aktuellen Drehbuch zu schleifen. Kaum habe ich den altersschwachen Akku meines altersschwachen Rechners an die Steckdose gepinnt, beginnt im Nachbarzimmer ein lautstarker Streit.
Eine SIE brüllt einen IHN ausgesprochen unzufrieden an und schreckt auch vor Schimpfworten nicht zurück, die man sonst nur auf fiesen Schulhöfen hört. Normalerweise halten sich Herren mit dem Schreien in solchen Situationen noch ein Weilchen zurück. Nicht aber dieser Kandidat. Auch er hat ein großes Stimmvolumen und gibt es auch hemmungslos preis. Beide mögen altersmäßig irgendwo zwischen dreißig und vierzig liegen. Noch nicht das Alter, um bei so einer Konversation einen Herzinfarkt zu bekommen. Aber das haben die beiden offenbar auch nicht vor.
Ich schließe das Fenster und stelle fest, dass das so ziemlich genau gar nix an der Beschallung verändert. 
Na prima. Ein Weilchen schreibe ich mit und notiere, dass sie eine „blöde Schlampe“, ein „alterndes Flittchen“ und „eine widerliche Diva“ ist. Im Gegenzug muss er sich als „dämlicher W***ser“, „speckiger Jammerlappen“ und „die größte Enttäuschung ihres Lebens“ bezeichnen lassen. Irgendwann knallt eine Tür und es wird ruhig. Kein Geschrei mehr und glücklicherweise auch kein Geheule. Ich öffne das Fenster wieder und erfreue mich des nun wieder hörbaren Vogelgezwitschers auf den umliegenden Bäumen.
Allerdings schwant mir, dass die Ruhe nicht von langer Dauer sein wird. Paare, die lange genug zusammen sind um sich als widerliche Diva und größte Enttäuschung des Lebens bezeichnen, verfügen über genug Energie und gemeinsamen Lebensweg, als dass sie nach so einem Theater hinschmeißen.
Und Recht soll ich haben.
Etwa sechs Stunden später liege ich in meinem Bettchen und meine schlimmste Befürchtung tritt ein. Yepp. Nach so einem heftigen Streit kommt was? Genau! Eine heftige Versöhnung.
Abwechselnd höre ich brunftartige Schreie von der "Lebensenttäuschung" und quiekende Laute von der „blöden Schlampe“. Phasenweise klingt es so, als ob der „speckige Jammerlappen“ das „alternde Flittchen“ mit dem Schädel durch die Wand ballern will. Dann hört es sich wiederum so an, als ob sie den „dämlichen W***ser“ an seinem Gemächt durchs Zimmer schleift. Alles in allem wünsche ich mir, dass sie das Bett ein klitzekleines bisschen von der Wand wegschieben. Wenn das so weiter geht, dann habe ich gleich nämlich nicht nur einen Tinnitus, sondern auch noch eine Gehirnerschütterung. Wieso müssen in diesen Hotels die Betten immer kopfseitig an den Trennungswänden stehen?
Ich probiere es damit, den Fernseher auf die höchste Stufe zu drehen. Leider ist dieser aber reglementiert. Das heißt, es geht nur minimal über Zimmerlautstärke. Von der anderen Seite des Zimmers bollert jemand gegen die Wand und beschwert sich über die Lautstärke. Ich bin drauf und dran rüber zu gehen und ihm oder ihr entgegen zu brüllen, dass das nicht die Akustik meiner Horizontalakrobatik ist. Ich bin allein und teste hier keine afrikanischen Klopftechniken auf dem Mobiliar. Er oder sie kann sich gerne einen Raum weiter über die übertriebene Neuvertonung von „Josefine Mutzenbachers Abenteuer“ beschweren.
Hey, in der Regel freue ich mich, wenn Menschen glücklich sind. Egal wobei. Aber wenn es sich so anhört, als ob sie sich gegenseitig mit Kettensägen zerlegen und dabei indische Volksweisen rückwärts singen, dann mache ich mir schon alleine Sorgen aus orthopädischer Hinsicht. An der Frequenz des Wummerns an der Wand, merke ich, dass sich Tarzan und Jane auf der Zielgeraden befinden. Endlich! Der Countdown beginnt. 10 – 9 – 8 – 7 – 6 – 5 – 4 - 3 – 2 – 1! Fertig! Mit einem letzten Kampfschrei ist der Battle beendet. Der Sieg nach Punkten geht an ihn. Zumindest von der Lautstärke her. Ich verkneife mir einen Szenenapplaus an die Wand zu hämmern und hoffe, dass sie sich ausreichend verausgabt haben, um nun endlich zur Ruhe zu kommen.

Und sollte ich herausfinden wer das ist und ihnen morgen beim Frühstück begegnen, dann halte ich Wertungstafeln für akustische A- und B- Noten in die Luft und wünsche ihnen noch einen ruhigen Tag. Oder einen heftigen Muskelkater.             

Montag, 2. Mai 2016

86. Akt

Vor einiger Zeit wollte ich in einer Gruppe älterer Menschen für ein bisschen Abwechslung sorgen. Und nein, das bedeutet nicht, dass man Rollatoren versteckt oder die Räder eines Rollstuhls einfettet. Auch der Austausch von Gebisskleber in eine Tube Uhu ist hier nicht gemeint.
Ich bringe gerne etwas Farbe unter die Menschen und das nehme ich ziemlich persönlich.
Ich wurde gebeten ein bisschen vorzulesen. Und das tat ich gerne.
Mir war von Anfang an klar, dass meine eigenen Bücher zu diesem Zwecke völlig ungeeignet waren. Menschen, die zum Teil noch den Krieg miterlebt haben, die schrecken „33 Grausamkeiten“ nicht, oder sie können nicht drüber lachen. Also überlege ich, aus welchem Buch ich vorlesen mag, und komme – klar, beste Lösung – zu einem Märchenbuch der Gebrüder Grimm.
In unserer netten kleinen Leserunde beginne ich mit Hänsel und Gretel.
Und... nun ja... ist euch schon mal aufgefallen, wie Frauen im Rentenalter im Märchen aussehen?
Es sind immer alte Frauen mit warziger Hakennase und bösem Blick.
Unter den Lesungsgästen findet sich niemand, auf den diese Beschreibung auf Anhieb zutrifft, aber ein bisschen unangenehm ist es mir trotzdem. Beim nächsten Märchen geht es weiter, denn auch Rapunzel hat unter einer alten boshaften, hässlichen Frau zu leiden. Ich schwitze ein bisschen und glaube, wenn ich auf der anderen Seite des Buches säße, dann würde ich es ein bisschen persönlich nehmen. Alles in allem stelle ich fest, dass Märchen ausgesprochen diskriminierend sind, was alte Frauen, Wölfe und Zwerge angeht. Und außerordentlich brutal sind sie auch. Kannibalische Omas werden in Öfen gratiniert, rauben Kinder und würden auch noch brandschatzend durchs Land ziehen, wenn sie könnten.
Es ist fast beruhigend für mich, dass die Schwerhörigkeit so manchen meiner Gäste vor den ungewollten Beleidigungen bewahrt.
Kaum bin ich auf dem Heimweg, denke ich darüber nach, mal ein zeitgemäßes Märchen zu schreiben.
Die Oma ist dann die schärfste Ü-Siebzigerin, die man sich vorstellen kann. Sie kommt mit der Harley vom Boxtraining und klärt Schneewittchen auf, wie sie mit ihrer Zwergen WG so richtig Spaß haben kann. Den Prinzen hinter dem Glassarg weist sie darauf hin, dass der Jäger sehr schöne blaue Augen hat und er sich mal überlegen soll, warum Schneewittchen ihn nicht wirklich anmacht.
Ja, genau. Bei mir gäbe es schwule Prinzen, selbständige Prinzessinnen, Könige, die nicht notgeil auf die nächste böse Schwiegermutter hereinfallen und emanzipierte Zwerge. Die Immobilienpreise hinter den sieben Bergen sind auch noch erschwinglich, so dass man seine Jungfräulichkeit nicht gleich an den nächsten willigen nicht schwulen Prinzen verschleudern muss, um sich ein Schloss leisten zu können. Das Leben wäre für Hänsel, Gretel, Rapunzel und den Rest der ganzen Bagage einfach märchenhaft. Keine vergifteten Äpfel und der Wolf wäre Veganer.
Und wenn ich hier fertig bin, dann kümmere ich mich um Barbie und Ken.