Montag, 7. November 2016

274. Akt

Der erste Schnee. Während mein Sohn, als absoluter Wintermensch, fast Räder schlägt, nimmt meine Tochter das Wetter nur so weit wie nötig zur Kenntnis. Schnee? Winter? Jetzt schon? Schön! Ähnlich wird sie auch in sechs Monaten reagieren. Sonne? Sommer? Jetzt schon? Cool!
Ich hingegen stehe am Fenster und betrachte die Sache eher ambivalent.
Schnee, so lange er weiß und flockig darnieder kommt und entspannt am Straßenrand liegenbleibt ist okay. Also zumindest zwischen Ende November und Anfang März. Aber eben nur am Straßenrand oder auf freien Flächen.
Am schönsten wäre es natürlich, wenn es dafür nicht auch noch immer so fies kalt sein müsste. Schnee bei 23 Grad Außentemperatur, ja! Das könnte mich begeistern. Aber irgendwie schließt sich die Bildung von Schneekristallen dann ja schon über die Plusgrade aus. Mist! Als vor vielen Jahren die Beziehung zum Vater der Kinder in die Binsen ging, war ich mir sicher, wenn noch mal nen Leistungssportler, dann sicher einen Surfer. Dann läge ich bei 30 Grad am Strand von Hawaii und würde entspannt hinter meinem Maitai hervorlächeln, während mein Schatz auf dem Wasser Hobby oder Arbeit fröhnt. Letztendlich gestaltet sich Partnerwahl in der Regel aber unabhängig von Jahreszeiten. Also war´s ja dann auch Essig mit dem Surfer, Hawaii und Arbeitsplatz Beach.

Und nun stehe ich hier und widerstehe dem Impuls, die Bobschlitten der Kinder schon mal auf die Terrasse zu stellen. Noch vor zehn Jahren wären sie dabei vor Freude ausgerastet. Heute würden sie sich vermutlich bloß fragen, ob Mama irgendwelche Medikamente vergessen oder zu viel eingenommen hat. Kurz gehe ich die Winterlogistik durch. Die richtigen Reifen sind schon längst aufgezogen. Der Schneeschieber steht draußen in der Hütte. Salz verwende ich keines, also brauch ich´s auch nicht zu besorgen. Skihose, Strumpfhosen, Rollis und Mützen sind in greifbarer Nähe. Im Prinzip bin ich gerüstet. Also in der winterlichen Umsetzung. Moralisch hänge ich allerdings noch dem Sommer nach. Was hat der Winter für Vorteile? Ich schiele kurz auf den Süßigkeiten-Schrank. Ja, okay. Meine Skihose kompensiert Kaloriensünden besser als so ein Herve Leger Bodycon-Kleid. Zumindest nach außen hin. Aber reicht mir das als Grund zur Freude? Na ja, eher so mittel. Das schöne ist aber, so wirklich stören tut es mich nicht. Ich kann ja eh nix ändern. Also genießen wir die Vorteile, die der Winter bringt und ärgern uns nicht weiter. Und während der Schnee schon wieder dünner wird, schreibe ich ein paar Sachen auf, mit denen ich das Süßigkeiten-Fach aufrüsten kann. Letztendlich muss man sich bloß zu helfen wissen.     

Sonntag, 6. November 2016

273. Akt

Yeah!!! Heute ist Herbstball und meine Freundin Anja hat Karten. Ich freu mich mächtig und bin schon lang in der heißen Phase der Outfit-Findung. Das blassrosa-cremefarben-Gestreifte ist eindeutig zu sommerlich, und für das helle Ballkleid mit den weiten Ärmeln bin ich schon viel zu weit fortgeschritten in Sachen Winterfigur. Es wird eines der schwarzen, langen Kleider. Schwarz streckt und ich kann noch rasch die Packung Dominosteine aus dem Auto leer machen.
Mit meiner Tochter komme ich vom Einkaufen. Sie brauchte ein Kostüm für eine Schulparty. Jetzt geht sie als Catwoman und ich würde sie dafür viel lieber in einem flauschigen Katzenkostüm sehen, als in engem schwarzen Bodysuit mit Röckchen. Na ja. Mein Einfluss in Sachen Kleidung ist irgendwo in der Pubertät verloren gegangen. Egal. Hauptsache sie hat Spaß. Jetzt steht sie jedenfalls vor der Tür und meint, dass die Klingel kaputt sei.
Ich erwidere, dass das eh wurscht sei. Wir stehen schließlich vor der Tür und ihr Bruder ist nicht Zuhause.
Okay, Klingel kaputt? Kein Problem. Ich checke kurz die Anlage und schaue dann im Keller. Aha, die Sicherung ist raus. Na, die krieg ich ja fix wieder rein. Denke ich. Aber falsch gedacht. Ständig springt der Schalter in die 0- Position. Was steht da am Rand? Die Sicherung ist für die Klingelanlage geschaltet? Und für die Hebeanlage? Aaaaaaargggghhhh!!!! Bei zwei unserer Nachbarn ist in den letzten Wochen die Hebeanlage verreckt. Bei einem von beiden stand im Anschluss der Keller unter Wasser. Mein Blick fällt panisch auf die Wände. Kann man schon einen feuchten Streifen erkennen? Dann fällt mein Blick auf mein Handy.
STEEEEEEEEFAAAAAAAAAAN!!!
Unser Nachbar ist Handwerker und kann eigentlich alles. Vermutlich reanimiert er in seiner Freizeit noch verunglücktes Wildtier an der Autobahn und rettet in der Mittagspause ganze Landstriche vor Flut, Feuer und schlimmen Seuchen. Wenn irgendwas im Haus nicht läuft wie es eben laufen sollte, oder eben dort läuft, wo nix laufen darf, ist Stefan immer aller erste Wahl.
Fünf Minuten später steht er mit Pumpe und seinem Assistenten vor der Tür. Sein Assistent heißt Jonas, ist sein Sohn und ist vier Jahre alt. Er trägt oft und gerne die Handwerkshosen, die auch sein Papa hat (allerdings in seiner eigenen Größe) und jetzt trägt er den Werkzeugkoffer.
Während sein Papa dafür sorgt, dass mein Keller nicht von Brackwasser geflutet wird, besteche ich Jonas mit zwei Plüschtieren. Der Kleine ist zum Knutschen, aber ich habe Sorge, dass er in das Loch fällt, in dem die Ersatzpumpe gerade arbeitet.
Die alte Pumpe ist am Schlick verreckt, sagt Stefan. Und Recht hat er wohl. In dem Loch sieht es aus, als hätte einer eine Kollekte aus allen Flusensieben sämtlicher Münchner Waschsalons gemacht und dort hinein entleert.
Das Gröbste ist erst Mal behoben. Die neue Pumpe kommt am Montag und ich habe die Wahl jetzt noch ein bisschen Schlick aus der Grube zu entfernen oder mich Ballfertig zu machen. Ich entschließe mich gegen die Pampe und für einen Moment der Ruhe auf dem Sofa.
In zehn Minuten steh ich dann mal auf und beginne mit der Grundsanierung in Sachen Make up. So ist der Plan.
Schon fünf Minuten später bin ich allerdings wieder auf den Beinen. Die defekte Pumpe, das Warten auf den Klempner und auch der Ball rücken zwei Stufen in den Hintergrund. Das mit dem Make up kann ich ebenfalls vergessen und die Kleider können zurück in den Schrank. Heute gibt es anderes zu tun. Manche Dinge sind eben wichtiger und da braucht es nur einen bequemen Pulli und eine einfache Jeans. Anja, der nächste Ball ist unser. Ganz sicher. Und dennoch, vielen Dank für die Einladung.


Samstag, 5. November 2016

272. Akt

Der Fernseher geht nicht. Nicht, dass er nicht angeht. Nein, das Licht am unteren Rand leuchtet grün, wenn man einmal draufdrückt und es leuchtet rot, wenn man auf die „Aus“-Taste drückt. Aber er geht trotzdem nicht. Kaum ist er soweit, dass ein Bild sichtbar sein sollte, erscheinen nur zwei Worte: Kein Signal
Ich schaue auf die Fernbedienung und dann wieder auf den Bildschirm. Jetzt bloß keine Panik. Der Fernseher leuchtet grün und das heißt, er ist nicht völlig hinüber. Ich schalte noch ein mal aus und dann wieder an. Ganz vorsichtig. Vielleicht braucht er ja bloß Zuspruch und ein bisschen Geduld.
Ich atme ruhig ein und aus. Und versuche es erneut. Mein Atem gleicht schon bald einem Hecheln. Und der sanfte Druck ist einem Hornhaut-bildendem Rubbeln auf den Tasten der Fernbedienung gewichen.
Jetzt ist aber mal Essig mit Zuspruch und Geduld. Bloß, weil ich nicht wirklich irgendwas sehen muss, heißt das nicht, dass ich nicht zumindest die Möglichkeit haben will, etwas zu sehen, wenn etwas käme.
Wie eine Gestörte beginne ich nun jede erdenkliche Taste auf dieser Fernbedienung zu drücken. Nach zwei Minuten hämmere ich schweißgebadet sämtliche Tastenkombinationen auf diesen schwarzen Riegel, reiße Batterien raus und stopfe sie wieder rein und entstöpsel jede Verbindung zu den Steckdosen, bevor ich den Stecker quasi schon mit blutunterlaufenen Augen wieder in die Dose ramme.
Nix. Immer noch nix. „Kein Signal“ so wie schon seit einer quälenden halben Stunde.
Ich werfe mich rückwärts auf mein Sofa. Mir fallen keine Flüche mehr ein, die ich ausstoßen könnte. Ich will jetzt fernsehen! Selbst, wenn ich es gar nicht will. Ich hasse es, wenn ich meiner Möglichkeiten beschnitten werde. Selbst wenn die Rebellion nur von einem TV-Gerät ausgeht.
Mein Handy summt neben mir. Mein bester Freund ruft an. Ich mag erst gar nicht rangehen. In der jetzigen Stimmung klinge ich vermutlich ziemlich unfreundlich. Na ja, das muss er abkönnen. Er kennt mich ja nicht erst seit gestern. Gleich nach meinem „Hallo“ werde ich gefragt, wen ich gerade ans Kreuz nageln will und warum. Ich mag es nicht, wenn ich ohne mein Wollen so ratzfatz entlarvt werde, aber er ist nunmal mein bester Freund und er hat es auch nicht verdient, stellvertretend für meinen Fernseher in Grund und Boden geschimpft zu werden. Er bleibt ruhig (Ruhe stört mich jetzt immens). Aber Recht hat er. Ich soll fünf Minuten die Luft anhalten und einfach mal aufhören, die Fernbedienung zu malträtieren.
Wenige Momente später kommt ein Link von einer Störungshotline und siehe da, mein armer Fernseher kann gar nichts dafür. Die Störungsstelle meldet nämlich eine große Ansammlung von Störungen in meinem Gebiet. Und zwar bei Kabel Deutschland. Na da kann ich mich ja sanft wieder abregen. Ich rufe zurück und bedanke mich, für die besänftigende Reaktion.
Für einen kurzen Moment hatte ich schon darüber nachgedacht, meinen Fernseher durch heftigen Kontakt mit den Reifen meines Autos zu bestrafen.
Ich werde schlicht und ergreifend abwarten müssen. Das kann ich. Also, wenn ich weiß, dass ich keinen weiteren Einfluss auf die Technik habe.
Alles kein Problem. Und überhaupt ist es doch völlig wurscht. Kommt ja eh nix, was ich sehen will. Wenn da steht „Kein Signal“, dann ist es halt so. Pöh, wer muss schon Fernsehen? Kommt ja ohnehin nur Schrott. Ich setz mich lieber an den Rechner und arbeite noch ein bisschen am neuen Buch. Da gibt es immer ein Signal. Darauf kann ich mich verlassen. Denn das kommt aus meiner Birne und ganz sicher nicht von RTL.



Freitag, 4. November 2016

271. Akt

 „Wir finden, dass gerade Frauen wie du dazu stehen sollten, dass sie etwas an sich haben machen lassen. Wenn du dich öffentlich dazu bekennst wo du gestrafft oder operiert bist, dann machst du es uns Normalo-Frauen eindeutig leichter. Also mach mal einen Schritt voraus.“ Das Schreiben hat fünf Frauen im Absender – soweit Danke für die Offenheit - aber ist an einen riesigen Verteiler gerichtet.
Äh... wer sind denn Normalo-Frauen? Wir sind doch alle genau so Normalo-Frauen, wie wir super special Bombshells sind. Aber egal.
Ja, Asche auf mein Haupt. Ich habe bisher noch nicht lang und ausreichend genug herausgebrüllt, was an mir nicht natürlich gewachsen, gealtert, oder dahingesiecht ist. Und ich habe geradezu die Pflicht, als Frau mich zu erniedrigen, zu offenbaren und Rede und Antwort zu stehen.
Okay. Dann halt hier mein Outing:
Ich bekenne, dass ich alle drei bis vier Wochen in heimlichen Sitzungen meine Wimpern aufrüsten lasse. Iris, meine Wimpernfrau lässt mich dafür immer inkognito mit angeklebtem Bart, Hut und Trenchcoat in ihr Studio. Damit es keiner merkt. Klar doch.
Dann noch meine Haare. Oje, oje... Ich bin in dem Alter, in dem die Haare sich nicht mehr ausschließlich zu ihrer Ursprungsfarbe bekennen wollen. Also nicht unbedingt ansatzweise. Und dann... ich mag´s kaum sagen. Dann färbe ich meinen Ansatz. Mal alleine heimlich im Bad, mal unter Inanspruchnahme eines professionellen, diskreten Coiffeurs.
Uff... jetzt bin ich aber froh, dass es raus ist.
Des Weiteren, dekoriere ich auch meine Nägel – und weil ich vor Eitelkeit nur so triefe – alle zwanzig, mit Gellack, damit sie schön aussehen. Schlimm? Ja, sicher!
Ach ja... Und nun der Klopfer: Ich war schon mal bei der Kryolipolyse. So. Damit hätte keiner gerechnet (Obwohl ich schon mit gefühlten hundert Menschen darüber gesprochen habe.) Ich habe mir also die griffigen Reste, die mir nach den Geburten meiner Kinder unterhalb des Nabels geblieben sind, schockfrosten und physisch abbauen lassen. Ob es tatsächlich geholfen hat? Keine Ahnung. Der Sport und die Ernährung haben sicherlich auch ihr übriges dazu getan. Aber darum geht es jetzt ja nicht.
So... meine Zähne sind übrigens auch korrigiert. Zwei Jahre Zahnspange mit über dreißig. Ich sag ja, ich bin echt eitel. Und ich trage sogar Kronen. Fünf Stück. Falls mal jemand nachzählen mag, bitte ich dieses rechtzeitig zu beantragen.
Ansonsten wird es schwierig. Meine Oberweite habe ich meiner Mutter zu verdanken. Und die ist keine plastische Chirurgin, sondern sie kriegt das über die Gene hin. Wenn es nach mir ginge, dann hätten die Gene sich hier ruhig ein bisschen mehr zurückhalten können. Aber was soll´s? Was da ist, ist da.
Die Haut an meinen Oberschenkeln ist an guten Tagen ausreichend spannkräftig und an schlechten Tagen gibt sie mir soviel Motivation, dass ich sie in einem Gedicht thematisiere (33 Grausamkeiten II – Seite 182).
Da dran rumzudoktern wird meist nur wellig. Damit hätte ich dann ein größeres Problem. Dann lieber dellig.
Vor vielen, vielen Jahren meinte eine Model-Agentur, ich müsste mir die Nase verkleinern lassen und den Busen ebenfalls. Ich habe die Agentur gewechselt, das war dann weniger invasiv und viel günstiger.
Also alles in allem ist das Outing nun leider eine Enttäuschung für den Menschen, der von umfangreichen Änderungsmaßnahmen an meinem Körper ausgeht. Oder es wird jetzt von Unterschlagung eines Dauer-Abos beim Schönheitschirurgen ausgegangen. Da kann ich dann auch nicht weiter helfen.
Ich habe kein Problem mit Menschen, die da kreativ einen Haufen Geld in die Hand nehmen und sich variantenreich neu gestalten lassen. Ist ja nicht mein Körper. Was für mich viel wesentlicher ist, ist was hinter der gebotoxten oder völlig natürlich gefalteten Stirn passiert. Und ob unter den Silikonkissen oder der Hand voll natürlichem Nix ein gutes Herz schlägt. Ansonsten ist es mir nämlich wurscht. Und es geht mich auch nichts an.


Donnerstag, 3. November 2016

270. Akt

Es ist neun Uhr, und wir haben noch Zeit, bevor uns die U-Bahn zum Flughafen bringen soll. Ein bisschen müde, aber sehr zufrieden sitzen wir in unserem liebsten Frühstücks-Café, nur wenige hundert Meter entfernt vom Hotel. Tochterkind probiert sich durch die Limonaden und ich genieße den zweiten Cappuccino. Das Café ist super gemütlich eingerichtet und wir würden hier gerne noch viel länger sitzen, aber wir können uns ja nicht darauf verlassen, dass der Flieger, wie beim Herflug wieder vier Stunden Verspätung hat. Die Tür geht auf und ein junger Mann kommt herein. Er sieht aus wie die sehr junge Version von Catweazle in rot. Wirre, etwas zu lange, lockige rote Haare, passend zum roten Bart. Mit dem schnieken Anzug verliert das Ganze seine Merkwürdigkeit und sieht echt sympathisch aus.
Er setzt sich an den Tisch gegenüber, guckt nur kurz in die Karte und ab dann nur noch auf sein Smartphone.
Als die hübsche, blonde Kellnerin kommt und ihn nach seinen Wünschen fragt, schaut er nur kurz auf und lässt sich dann wieder von seinem Handy ablenken. Der Blick ist viel zu kurz, um das hübsche Lächeln der jungen Frau zu erkennen. Und so wendet sie sich ab, um seine Bestellung in die Küche weiter zu reichen. Als sie ihm den Kaffee bringt, schaut er wieder nur kurz auf. Bin ich zu romantisch, unrealistisch oder warum trifft mich seine verpasste Gelegenheit so? Ich würde am liebsten rüber gehen, geschwind seine roten Locken aus dem Blick streichen und ihn darauf hinweisen, dass die Kellnerin vielleicht genau die Frau ist, die er da hinten auf Fling oder Parship sucht. Nur eben in echt.
Die Kellnerin bedient natürlich auch andere Tische, aber immer, wenn sie an ihm vorbeiläuft, dann lächelt sie ihn an. Und er sieht es nicht.
Vielleicht bin ich emotional tatsächlich schon zu dolle auf das kommende Weihnachtsprogramm eingestellt. Drei Nüsse für Aschenbrödel und so. Vielleicht kreist auch noch der Titanic Trailer in meiner Blutbahn oder hier in London fühlt es sich zu sehr nach Romeo und Julia an.
Ich kann ja schlecht hingehen und ihm das Handy aus der Hand schlagen.
Also zahlen wir und gehen in Richtung Hotel, um unsere Koffer abzuholen und dann zum Flughafen zu fahren. Eigentlich schade, aber was soll man tun? Als Amor habe ich in diesem Jahr schon ausreichend versagt. Vielleicht sucht er bei Fling auch keine Nancy, sondern einen Gerald. Und vielleicht ist sie bloß so nett zu ihm, weil er sie an jemanden erinnert.
Ich werde es nie erfahren, aber zumindest weiß ich jetzt, dass man in öffentlichen Cafés noch viel seltener zum Handy greifen sollte. Sonst bekommt man tatsächlich nur einen Kaffee, obwohl man so viel mehr bekommen könnte.


Mittwoch, 2. November 2016

269. Akt

Aaaaarghhhh... mit dem Alter lässt die Sicht nach. Manchmal ist es auch bloß die Aufmerksamkeit. Vor allem, wenn man am Vorabend mit seinem Team die Hotelbar ausprobiert hat.
Früh am morgen stehe ich unter der Dusche. Irgendwie muss ich wieder fit werden. Tochterkind trällert schon seit ein paar Minuten im Zimmer rum. Das Trällern fühlt sich wie eine Nagelfeile in meinen Gehirnwindungen an, aber sie ist fröhlich und es klingt gar nicht so schlecht, deswegen bitte ich sie nicht, damit aufzuhören. Fahrlässig sehe ich zu, dass der Griff zum Nassrasierer nicht zu Spuren führt, die man für einen missglückten Suizidversuch halten könnte.
Fertig geduscht passe ich auf, dass ich nicht über den Badewannenrand stolpere und den Kopf am Waschbecken aufschlage. Es ist zwar Halloween, aber wir machen hier keine Bilder mit Platzwunden und gebrochenen Rippen.
Ich taste neben dem Waschbecken nach meinem Deo. Wenn ich unterwegs bin, nehme ich fast immer nur die kleinen Reisegrößen mit. Einmal rechts und einmal links gesprüht. Einundzwanzig, zweiundzwanzig... ich bin schlagartig hellwach.
Unter meinen Armen fühlt es sich an, als ob jemand eine Testreihe für Bunsenbrenner durchführt. Außerdem klebt es wie die Hölle.
Ich taste erneut nach dem kleinen Deospray. Was ist da drinnen??? Es brennt teuflisch. Bei den Deos achte ich doch immer so sehr darauf, dass kein Alkohol und Aluminium enthalten ist. In diesem Deo scheint sich stattdessen quasi Salzsäure zu befinden. Also gefühlsmäßig auf jeden Fall.
Meine Pupillen versuchen sich auf die kleine Aufschrift zu justieren. Und da fällt es mir auf. Von Aluminiumsalzen und Alkohol steht da mal auf Anhieb nix. Aber von Deo ebenfalls nicht.
Die kleinen Reisesprays verlieren allein durch ihre Größe an Individualität. Und so habe ich mich gerade eben nicht mit sanftem Deo erfrischt, sondern mir eiskalt das schärfste Haarspray aller Zeiten in die frisch rasierten Achseln geballert.
Das Brennen hat mittlerweile aufgehört, aber das unangenehme Kleben ist geblieben. Ich kann´s ja nun nicht ausbürsten, wie es in der Werbung immer heißt. Mich in meinem Zustand erneut den Gefahren des Duschens in einer Badewanne auszusetzen, halte ich gerade für zu gefährlich, also greife ich nach dem Waschlappen.
Jetzt, wo ich die Arme auch wieder ohne eigenartige Geräusche vom Körper entfernen kann, nehme ich das kleine Deospray und gehe nach nebenan zu Tochterkind.
Ich bitte sie, mir die Aufschrift vorzulesen. Sie schaut mich an, als ob ich sie bitten würde, unten auf der Straße ein Pfund Marihuana zu kaufen.
Als sie mir bestätigt, dass es sich bei dem Spray um Deo handelt, wende ich mich ab und gehe zurück ins Bad. Während Tochterkind draußen weiter trällert, mache ich mich fertig. Tage wie diese werden in der Regel einfach immer nur besser. Also ein Dankeschön an das kleine Haarspray. Wach bin ich jetzt auf jeden Fall.

Dienstag, 1. November 2016

268. Akt 

„Wir verwenden den Tönungsfestiger, das hält besser, gibt schönen Glanz und deckt die grauen Haare ab.“
Ich schaue in den Spiegel. Wo sieht Nadya, die Visagistin, verflixt nochmal graue Haare? Im Augenblick ist doch alles ganz ordentlich ungrau und frisch ansatzgefärbt.
Egal. Dann halt für den Glanz. Die Kreuzung aus Haartönung und Festiger war mir bis heute nicht geläufig, aber sei´s drum. Sie wird schon wissen, was sie tut.
Bevor ich mich versehe landet eine dicke Wolke an braungrau schimmernder Pampe auf meinem Haar, bevor selbiges derart aufgelockt wird, als hätte ich lächelnd mit nassen Fingern in die Steckdose gelangt. Dreimal hintereinander.
Das Endergebnis sieht ganz prima aus. Ein bisschen wie ein indischer Pumuckl und ein bisschen wie Diana Ross. Mir gefällt´s und den anderen offensichtlich auch. Ich frage, ob ich wegen des Festigers irgendwas beachten muss. „No!“ sagt Nadya. Alles bestens.
Während der folgenden Stunden wird auf den Straßen in London, in Cafés und in einem Hotel fotografiert.
Zwischendurch müssen wir unterbrechen. Tochterkind muss zu PINK der Sportabteilung von Victorias Secret. Als ich meiner Mutter davon schreibe, fragt sie zurück, ob Kind 2.0 jetzt auch Flügel kriegt und nix mehr essen darf. Ich erkläre ihr, dass es sich bei der Abteilung PINK nicht um die Dessous handelt, die einmal im Jahr von Victorias Secret Engeln vor hechelndem Publikum vorgeführt werden. Sportkram und so. Bloß ein bisschen cooler. Aber Tochterkind ist cool. Also passt es ja.
Das mit dem erst nach rechts schauen, wenn ich lächelnd auf die Straße springen soll, vergesse ich hin und wieder. Wenn das so weiter geht, entsteht gleich noch eine Fotoserie, die zeigt, wie ich unter einem britischen Taxi vorgezogen werde. Letztendlich habe ich aber immer Glück.
Blöd wird es nur, als wir in einem Café Pause machen. Ich lehne mich entspannt an die weiße Wand. Als ich Minuten später meinen O-Saft austrinken will, schauen Tochterkind und Nadya auf die Wand hinter mir. Dort prangt, genau wo mein Kopf zuvor war, ein Kuchenteller großer brauner Fleck. Nee, mit Tönungsfestiger muss ich nichts beachten, hä??
Außer, dass er alles tönt, wo ich halt mit dem Kopf gegen stoße.
Philip, der Fotograf, spricht mit der Dame vom Café. Dann ziehen wir weiter. Für den Rest des Tages versuche ich, nichts und niemanden mit meiner Birne zu berühren. Und eins ist mir klar. Bevor ich heute ins Bett gehe, kommt das Zeug wieder runter. Sonst sieht mein hübsches weißes Kissen morgen nämlich so aus, als ob jemand es zur Straßenreinigung verwendet hat. Und das wäre mir dann doch ziemlich peinlich.