Sonntag, 14. August 2016

189. Akt

Aaaaarghhhh!!! Call me Partyhase.
Ich liege auf dem Sofa und mir ist flau. Irgendwie alles ein bisschen lustig und so ziemlich unorganisiert in meinen Gedanken.
Heute habe ich es richtig krachen lassen. Ich war feiern. Und wenn ich bedenke, wo die Party stattfand, kollidiert das eigentlich mit meinem derzeitigen Zustand.
Also... tja... ähem... okay: Sommerfest im Altenheim. Jetzt ist es raus.
Ich bin heute beim Sommerfest im Altenheim und mache das volle Programm mit. Jeder der glaubt, Sitztanz, Rentner und fleißige Pfleger schließen einen folgenden Kater aus, der irrt.
Auf der kleinen Portion Kartoffelsalat finden die zwei Gläser Wein und das Bier irgendwie keinen stabilen Halt.
Vielleicht liegt es auch daran, dass es fast 28 Grad hat und mir das Sonnenlicht permanent ungnädig mein Hirn grillt. Jedenfalls wippe ich auf meiner Bierbank mit und habe Spaß mit meinen Co-Partyhasen. Auch wenn diese zum Teil bereits die 90 schon länger passiert haben. Es wird gelacht, gegrillt, gekümmert und ach ja getrunken.
Und nun, wo sich alle in ihre Zimmer zurückgezogen haben, liege ich daheim auf dem Sofa.
Und ich muss gestehen, Sommerfeste im Altenheim knocken mich offensichtlich härter aus, als ich dachte.
Mann, mann, mann, bin ich froh, dass ich nicht mehr irgendwo im Elternbeirat sitze. Wenn mich die Party heute schon so trifft, würde ein Sommerfest im Kindergarten meine Einsatzfähigkeit völlig und nachhaltig zerstören. Also für ein paar Tage zumindest.


Samstag, 13. August 2016

188. Akt

 „Was soll das sein? Die Kung-Fu-Ballerina?“ Meine Tochter lacht sich schlapp.
Ich fass es nicht. Nimmt man mich denn überhaupt nicht mehr ernst?
Gerade eben war ich in eine Kämpferposition gesprungen, um meine Tochter zu einer Rangelei aufzufordern. Ich finde, ich sehe gerade richtig bedrohlich aus, aber sie läuft kichernd und kopfschüttelnd mit ihrer Müslischale an mir vorbei.
Irgendwie haben sich die Dinge wohl verändert. Nicht nur, dass ich mit 1,78m mittlerweile um zwei Zentimeter die Kleinste in der Familie bin, sondern vieles mehr.
Wenn ich zum Beispiel sage: “Dein Zimmer sieht katastrophal aus.“
Dann kam früher prompt die Aussage: „Ich räume gleich auf.“
Heute kommt nur noch ein bestätigendes „Ja, da hast du wohl recht.“ In beiden Fällen ist die völlig ausbleibende weitere Aktion allerdings gleichgeblieben. Und dennoch. Meine Kinder bleiben meine Kinder. Egal ob 10, 20 oder 30 Jahre alt. Wenn sie mich später mit eigenem Pfleger im Altenheim besuchen kommen, werden es trotzdem noch meine „beiden Kleinen“ sein.
Heute komme ich in den Genuss, dass Tochterkind mit mir in die Stadt will. Ich schaue jämmerlich auf meine Brieftasche, aber sie sagt, dass ein kleiner Ausflug auf den Viktualienmarkt völlig ausreicht. Also, ab ins Auto und rein in die Stadt. In die Parkhäuser fahre ich schon fast mit geschlossenen Augen. Die Preistabellen würden lachen, wenn sie könnten. 3,50 € für eine Stunde. Hallo??? Ich kann mich noch an 10 Pfennig Parkuhren erinnern. Ganz schwach nur, aber ich weiß, dass es sie mal gegeben hat.
Auf dem Viktualienmarkt dealt Tochterkind mit dem Obsthändler um zwei gigantische Papaya und ein Rudel Passionsfrüchte. Ich schaue ein bisschen durch die Gegend.
Alles so schön bunt hier. Und so viele Menschen. Schöne Stadt. Auf einmal steuert ein alter Mann auf Tochterkind und mich zu. Er trägt eine graue Hose und eine senffarbene Jacke. Und einen Seidenschal. Als ob es keinen anderen Weg gibt, läuft er genau zwischen meiner Tochter und mir hindurch. Aber das ist nicht alles. Laut und deutlich höre ich die Worte „Schöne T***en“. Mir fällt die Kinnlade runter. Unabhängig, ob er damit meine Tochter oder mich meint. Das geht ja mal sowas von überhaupt nicht. Wenn ich vorhin bloß eine Kung-Fu-Ballerina war, mutiere ich nunmehr zum Kampfschnitzel. Am liebsten würde ich den Alten mit den Mangos beschmeißen und mal zeigen, wohin er sich die riesigen Zucchinis stecken kann, aber Tochterkind hält mich zurück. Und bei einem Preis von fast sieben Euro pro Mango, verzichte ich darauf, sie als Wurfgeschosse zu benutzen. Ein bisschen Würgen mit dem Seidenschal ist auch nicht drin. Der Alte ist schon wieder im Getümmel verschwunden.

Viele Menschen sagen ja, dass man vor alten Menschen Respekt haben soll. Ich denke hier anders. Generell habe ich nämlich vor jedem Menschen Respekt, wenn er es sich nicht mit mir versaut. Aber zum alt werden bedarf es ja nicht mehr als viel, viel Zeit. Dass das nicht immer gleich mit Lebenserfahrung und Reife einhergeht, wurde mir ja gerade eindringlich bewiesen. Der „schöne T***n“-Opa war offenbar so reif wie die grünen Bananen vor mir. Oder eben so matschig wie das Obst vom Vortag, was sicher irgendwo in den Tonnen vor sich hingammelt. Aber was soll´s. Tochterkind hat was sie braucht und ich denke darüber nach, was ich außer der Zucchini noch hätte verwenden können, um dem unsittlichen Greis mal etwas Frische beizubringen.     

Freitag, 12. August 2016

187. Akt

Ich bin mit Tochterkind im Reisebüro. Das macht mich nervös. Immer wenn ich mit ihr etwas besorgen will, entgleist das und ufert ein bisschen aus.
A.) Wir wollen im Ikea Servietten kaufen und kommen mit zwei Regalen und einem neuen Schuhschrank heim.
B.) Bloß mal schnell im Tengelmann Äpfel, Milch, Eier kaufen? Mit zwei vollen Tüten Zeug nach Hause kommen.
C.) Für sie kurz Sportsocken im Geschäft um die Ecke? Ein Basketball, eine Laufhose und ein Top ziehen Zuhause ein.
Jetzt im Reisebüro habe ich also unsere Vorgaben fest im Blick. Nicht, dass aus fünf Tagen Last-Minute-Dingens zu guter Letzt ein „zwei Wochen Jamaica - ich bin wirtschaftlich ruiniert Urlaub“ wird.
Die Dame hinter dem Tisch wirkt, als bräuchte sie selber dringend mal ein paar Tage Auszeit. Aber mitnehmen mag ich sie nicht. Das hier wird mal so richtig Mutter/Tochter-Qualitätszeit.
Ich gebe unser Zeitfenster, den Etat, und alles weitere an, was nötig ist. Also: Strand, Essen, Sportmöglichkeit, Essen, Strand, Essen und ähem... Strand.
Dann schaue ich zu meiner Tochter. Sie nickt. Also alles richtig gemacht.
Tochterkind erweitert die gewünschten Vorgaben noch um die Frage nach freiem WLAN. Es wird notiert.
Wenige Minuten später bekommen wir gefühlte 7968 Reiseziele vorgeschlagen. Nach der dritten genannten Destination liegt mein Hirn schon am Strand und kann nicht mehr folgen. Ich bitte mein Kind nach bestem Wissen und Gewissen eine Wahl zu treffen.

Während mein Hirn so am Strand in weißem Sand döst, gehen kurz die Alarmglocken an. Wenn ich mich hier so ganz aus der Auswahl klinke, lande ich womöglich noch an einem Beach mit Tausenden partywilliger Teenager. Ich blinzle kurz zu ihr hinüber. Nein, sie sieht vernünftig aus. Sie weiß, was ich mag und ich weiß, dass sie mich nicht inmitten eines Rudels Achtzehnjähriger twerken sehen will. Eine Stunde später ist alles klar gemacht. Meine Nerven werden geschont und lediglich meine Kreditkarte wird um Einsatz gebeten. Ja, die Bewegung kriege ich noch hin. Und dann gehen wir. Mit einem Arm voller Reiseunterlagen, Vorfreude und klaren Plänen, dass wir beide unbedingt noch einen Bikini brauchen. Nur einen Bikini. Mehr nicht. Ganz sicher.  

Donnerstag, 11. August 2016

186. Akt 

Eine gute Freundin von mir hat sich verliebt. So weit so gut. Oder auch katastrophal. Mit Frischverliebten ist es nämlich so wie mit Betrunkenen, wenn man selber noch stocknüchtern ist. Es gibt eindeutig Verständigungsprobleme. Bis vor wenigen Tagen war sie noch die kompetente, patente Pragmatikerin, auf die man jederzeit zählen konnte. Jetzt ist sie in eine kichernde Dreizehnjährige mutiert, die kleine Wölkchen unter den Füßen zu haben scheint. Wieso müssen Verliebte immer rumlaufen, als würden sie das komplette Flutlicht auf einem Fußballfeld ersetzen oder eine Kleinstadt illuminieren? Wenn sie mir bei Erwähnung seines Namens jedes Mal einen Euro bezahlen müsste, würde ich schon mal einen Urlaub buchen. Hawaii oder Bahamas. Hübsch Business im Liegen hin und zurück.
Beim Treffen erzählt sie mir und den anderen Mädels von den Schmetterlingen im Bauch, die sie in den Griff bekommen müsste. Ich gebe ihr recht und schlage zwei Sprühflaschen Paral vor. Sie kann darüber gar nicht lachen. Na ja, einen Versuch war es wert.
Wir sitzen zusammen und scherzen darüber, ob der Prinz in unserem Alter noch auf einem Schimmel dahergeritten kommen soll. Von wegen Bandscheiben und so. Da tut es ein Wagen mit guter Federung schon eher. Dreißig Jahre später wird wohl ein Tandem-Rollator ganz angemessen sein.

Alles in allem denke ich mir aber, dass es doch schön ist, dass sie verliebt ist. Egal ob 20, 30, 40 oder eben 50. Ständig halten wir uns mit den negativen Dingen im Leben auf. Warum also nicht mal Augen zu und fliegen? Wenn man dann wieder landet, muss es ja nicht gleich immer ein psychischer Totalschaden werden.
Unkontrolliert kichernd mit glasigen Blick in der Ecke zu sitzen ist allemal besser als nörgelnd mit mieser Laune vorm Prosecco. Insofern, stünden so manchem von uns ein Rudel Schmetterling im Bauch ganz gut. Und zur Not – Paral ;-)



Mittwoch, 10. August 2016

185. Akt

An der Tankstelle. Ich muss warten, damit ich endlich mit meiner Schleuder an die Zapfsäule komme. Vor mir betankt gerade ein Herr seinen alten Benz mit einer Pipette. So fühlt es sich jedenfalls zeitlich an.
Auf der anderen Seite sehe ich, wie eine Dame zwei Ölflaschen aus dem Laden schleppt.
Cool, denke ich. Motorhaube ist schon oben, selbst ist die Frau. Ihren desolaten Blick schiebe ich auf andere Gründe.
Sie öffnet die Behältnisse und schüttet beide Flaschen in ihren Wagen. Dann schaut sie sich um. Den Blick kenne ich. Normalerweise kommt dann jemand angelaufen und fragt, ob er helfen kann. In diesem speziellen Falle allerdings nicht.
Opi vor mir denkt gerade nach, ob sein Tank mit Tankdeckel oder ohne besser aussieht. Und er denkt langsam. Dann beschließt er offensichtlich doch das schwarze Teil draufzuschrauben. Nun klettert er wieder in den Wagen, um seine Brieftasche zu suchen. In der Zwischenzeit schleppt die Dame mit dem fragenden Blick weitere zwei (!) Ölkannen aus dem Laden und entleert selbige in ihren Wagen. Nun werde ich aber nervös.
Da Opi sich vermutlich nicht entscheiden kann, ob er seinen Enkeln vielleicht noch eine Zapfsäule mitbringen soll, steige ich aus und gehe zögerlich zu dem VW auf der anderen Seite. Eigentlich will ich fragen, ob ich helfen kann, aber das ist dann doch nicht mehr nötig.
Ich bin ja selber ein Vollpfosten, wenn es um automechanische Dinge geht, aber so was habe ich noch nicht geschafft.
Madame hat das gesammelte Öl in den Wassertank gefüllt. Den Wassertank für die Scheibenwaschanlage.
Als ich sie darauf aufmerksam machen möchte, ranzt sie mich an, dass ich mich um meinen eigenen Kehricht kümmern solle. Sie wisse genau, dass das richtig war. Ihr Mann würde dort auch immer das Öl einfüllen.
Schön, schön, denke ich. Dann ist ihr Mann entweder ein Vollidiot oder er hat sie mal ordentlich verscheißert oder er legt keinen ernsthaften Wert darauf, dass seine Frau eine freie Sicht hat.
Aber da die Dame sich ja so sicher ist, bei dem was sie tut, gehe ich leise pfeifend zurück zu meinem Wagen. Opi hat mittlerweile auch das Zündschloss wiedergefunden. War wohl direkt am Lenkrad. Jetzt kann ich tanken. Als ich fertig bin höre ich dem Gespräch zwischen Tankwart und Öl-falsch-Befüllerin schon gar nicht mehr zu. Ich setze mich rein und fahre los. Und ich grinse in den Rückspiegel. Nicht auszudenken, wie so ein Scheibenwischer wohl rumglitscht, wenn da keine Wasser-Alkohol-Lösung aus den Düsen kommt, sondern Öl. Na ja. Sie hat Recht. Geht mich nix an.


Dienstag, 9. August 2016

184. Akt

Ist mir völlig schnuppe, ob es morgen nur noch siebzehn Grad haben soll. Jetzt hat es siebenundzwanzig. Das reicht. Ich liebe es schön warm, aber wenn ich dabei noch arbeiten will, brauche ich zumindest einen kühlen Kopf. Respektive, kühle Füße. Den Gedanken, die mobile Klimaanlage aus dem Zimmer von Kind 1.0 zu klauen, kann ich mir gleich abschminken. Eher verkauft er seine Oma, als dass er sich von seiner wichtigsten Errungenschaft trennt.
Ich überlege, was zu tun ist. Die Füße in zwei Eimer Wasser zu stellen bringt es auch nicht. Ich habe Schuhgröße 41-42. Da sind selbst fünfzehn Liter Eimer unbequem.
Also setze ich mich ins Auto und fahre in die Baywa. Ich liebe Baumärkte. Da, wo andere Frauen sich in schnieken Bekleidungsgeschäften Freude und Inspiration suchen, stehe ich vor den Akkubohrern und Sägen. Hach, was man nicht alles Schönes bauen kann.
Heute bin ich aber nicht als Bob Baumeister unterwegs, sondern hitzetechnisch in eigener Mission. Umgehend steuere ich die aufblasbaren Swimmingpools an.
Was soll ich sagen? Er kann so klein sein, dass er langweilig für die Nachbarskinder aber beglückend für meine Füße ist? Mir werden ovale, runde und rechteckige Pools gezeigt. Stets versuche ich einen Blick auf den Preis zu erhaschen. Braucht ja keine hundertjährige Garantie zu haben, das Ding. Ich will hier ja nicht den Rest meines Lebens drinstehen. Reicht völlig, wenn der Pool einen Rest-Sommer lang dichthält. Und zwar so lange bis meine persönliche Hitzekurve unterhalb eines heißen Steins beim Asiaten liegt.
Wieso gibt sich der Herr hier eigentlich so schrecklich viel Mühe, mir einen Pool für 19, 90 € zu verkaufen, während zwei alte Damen schon ganz nervös an ihm hochspringen, weil sie irgendwas aus der Haustierabteilung brauchen?
Der Mann zeigt lächelnd auf ein rechteckiges zwei mal drei Meter großes Plansch-Bassin.
Und wenn die lieben Kleinen keine Lust mehr haben, dann können Sie selbst im Bikini auch noch mal hineinspringen.“ Zwinker, zwinker.
Ach ja. Ich vergaß. Temperaturen von weit über zwanzig Grad sorgen für eine unproportionale Ausdehnung von Testosteron.
Vermutlich hat Herr K. sich schon neben mir und meinen Freundinnen auf der Terrasse mit ein paar Dosen Prosecco im Pool planschen sehen. Ich nicke dankend und greife nach dem kleinen runden Ding mit dem Tieraufdruck. „Der passt!“ Sag ich. „Und der passt so gut, dass ich auf den Bikini vollständig verzichten kann.“
Als ich an der Kasse stehe, sehe ich immer noch die beiden Damen um Beratung bitten. Aber mein Verkaufsberater hat gerade ein viel zu verträumtes Gesicht, als dass er da jetzt helfen kann.



Montag, 8. August 2016

183. Akt
  
Ihr Rotzlöffel, ihr vermaldeiten! Euch sollte man die Ohren langziehen. Eine ordentliche Tracht Prügel würde euch helfen. Steht´s da wie zwei Ganoven. Geht´s her, kriegt gleich mal ne Watschn...“
Ich bin ein bisschen irritiert. In einer Bushaltestelle steht ein Mann und beschimpft zwei Buben. Die Jungs sind vielleicht zehn oder elf Jahre alt und schauen betreten. Einerseits würden sie wohl gerne das Weite suchen, andererseits müssen sie wohl mit dem nächsten Bus nachhause, zum Training oder sonst wohin. Da sich sonst keiner in nächster Nähe befindet, frage ich mal kurz nach, was denn passiert sei. Vielleicht haben ihn die Burschen ja ganz schlimm beleidigt, das Haus abgebrannt oder den Gehstock weggetreten. Denn Letzteres muss schon mindestens der Fall sein, für so eine fulminante Schreierei.
Wieso wollns das wissen? Sind das ihre?“
Hmmm klar. Meine beiden Söhne sind rothaarig und blond und gleichen mir wie zwei Bananen einer Wassermelone.
Nein, aber ich finde es nicht schön, wenn Sie die Jungs hier so rund machen.“
Die haben mit ihren Taschen die Plätze besetzt. Und ich sollte stehn.“
Haben sie das denn gesagt?“
Wos gsagt?“
Dass Sie stehen sollen?“
Nein, aber da standen die Taschn drauf.“
Aber jetzt ist die Bank ja frei.“ Ich kann nicht glauben, dass der Typ hier so rumlamentiert, bloß weil zwei Kinder nicht sofort aufgesprungen und ihm Platz gemacht haben.
Ja, jetzt ist frei. Aber erst muss man die anbrüllen.“
Das stimmt ja gar nicht. Wir sind gleich aufgestanden, als sie dem David seinen Rucksack runter geworfen haben.“ Der kleine Rote traut sich.
Sie haben den Rucksack runtergeschmissen und jetzt brüllen sie die beiden vorsorglich auch noch an?“
Die Jungs wechselten von einem Bein auf das andere. Ich weiß nicht, was ihnen unangenehmer ist. So ein grenzdebiler Honk, der sie anbrüllt, oder eine fremde Frau, die aussieht, als ginge sie dem Typen gleich mal an den Hals. Aber sie bleiben beieinander. Von Weitem kann ich den Bus schon kommen sehen.
Die haben aufzustehen, wenn ein Erwachsener kommt. Die haben keinen Respekt. Keinen Anstand. Gänzlich unhöflich. Dreckspack!“
Ich überlege, ob ich noch was sage oder die Gunst der Stunde und den herannahenden Bus nutzen soll.
Sie wollen den Jungs Respekt, Anstand und Höflichkeit beibringen, indem Sie sich aufführen als seien Sie aus Haar ausgebrochen?“ (Haar ist die nächstmöglich Klapse, die mit dem Bus erreichbar ist).
Der Bus hält und die Jungs steigen ein. Beide winken mir noch zu. Mittlerweile hat der Typ einen hochroten Kopf und fühlt sich meinerseits wohl ein bisschen missverstanden oder gar ...ähem, kritisiert.
Die Türen schließen und der Bus fährt los.
Jetzt bin ich noch weit mehr irritiert als zuvor.
Ihr Bus ist gerade abgefahren!“
Ich warte ja gar nicht auf den Bus.“
Bitte was?“
Aber aufstehen hätten sie trotzdem müssen, die Rotzlöffel.“
Wenn diese dämlichen Buswarte-Häuschen nicht so gut einsehbar wären, würde ich meine Einkäufe gerne als Angriffs-Material nutzen.
So schüttel ich aber nur mit dem Kopf. Einatmen, ausatmen, umdrehen und gehen. Und jetzt, wo der Idiot die gesamte Bank für sich hat, entschließt er sich lieber rumzustehen.

Ich könnte ihn, ich könnte ihn.... aber ich tu es nicht. Noch mehr Schreierei und Aggression machen mich auch nicht glücklich. Also hoffe ich, dass die Jungs im Bus jetzt ihre Ruhe haben und dass der Typ mal an jemanden gerät, der ihn nicht nur „könnte“, sondern auch tut.